Auf der Unterweser Richtung USA

 


- 1844/1856 -

»Um neun Uhr geht der Kahn ab. – Gewiß?« – »Ja, kommen Sie ja nicht später!«
Das war die Warnung, die ich empfing, als ich im Frühjahr 1837 mit dem Eberführer sprach, der mich und mein Gepäck nach dem Schiffe »Constitution« bringen sollte. Die »Constitution« war nach New=York bestimmt, und lag auf der Rhede vor Bremerhaven, ungefähr neun Meilen von Bremen, wo sie nur noch auf die beiden Lichter, oder, wie sie in Bremen genannt werden, Kähne wartete, um ihre Deckpassagiere und deren Güter einzunehmen.
Um neun Uhr war ich an Ort und Stelle, fand aber bald, daß ich mich nicht so hätte zu übereilen brauchen, denn noch wurde keine Anstalt zum Abfahren gemacht. Ich nahm mir daher Zeit, alle meine kleinen Habseligkeiten durchzusehen, um mich zu überzeugen, ob auch alles Nothwendige da sei, wo nicht, das Fehlende noch nachzuholen.
In eine große Kiste, aber so, daß ich sie leicht öffnen und schließen konnte, hatte ich rothen Wein in Flaschen, ein Fäßchen Sardellen, ein Fäßchen Häringe, einen westphälischen Schinken (oh! daß es sechs gewesen wären), eine bedeutende Menge Citronen, etwas Rum, Pfeffer, Zucker und mehrere zinnerne Gefäße, theils zum Tischgebrauch, theils zum Aufbewahren von eßbaren Gegenständen bestimmt, sowie Löffel, Gabel und Messer eingepackt. – Ich fand Alles, schlenderte noch recht behaglich an der Weser umher, den Abgang des Kahnes nicht zu verfehlen, und wunderte mich sehr über die immer zahlreicher ankommenden Reisegefährten. Als ich aber die Unmasse von Menschen, die alle in dem erbärmlich kleinen Fahrzeuge transportirt werden sollten, sah, schien es mir im Anfange ganz unmöglich, daß es die Leute sämmtlich aufnehmen könne, – doch was leistet nicht ein Bremer Kahnführer in dieser Hinsicht?!
    Wie ich so, an eine Kiste gelehnt, da stand und dem Allen zusah, kam plötzlich ein junger Mann mit einem blauen Mantel, einer etwas militärischen Mütze und einer Brille, eine lange Pfeife in der einen Hand, einen Tornister in der andern, auf mich zu, betrachtete mich einen Augenblick und begrüßte mich dann mit dem vertraulichen Du. Sein Gesicht war mir bekannt, doch erst, als er sich nannte, erinnerte ich mich seiner. Es war H........, ein früherer Schulkamerad von mir, der mit mir auf demselben Schiffe die Reise nach dem Orte meiner Sehnsucht machen wollte.
Sein Anblick brachte zum ersten Mal, seit ich von Allem, was mir lieb und theuer war, Abschied genommen hatte, ein Gefühl in meine Brust zurück, als ob ich doch noch nicht so ganz verlassen in der weiten Welt sei. Ich begrüßte ihn auf das Herzlichste, und daß wir Beide von nun an unzertrennlich waren, versteht sich wohl von selbst.
Wir wanderten jetzt noch eine Weile in der Stadt herum und erfuhren, als wir zum Kahne zurückkehrten, mit Bestimmtheit, daß derselbe erst am Morgen des nächsten Tages abgehen würde. Die meisten der Passagiere kehrten den Abend noch einmal an Land zurück, ich blieb mit H. an Bord bei unseren Sachen, und am nächsten Morgen, am ersten Pfingstfeiertage, lichteten wir den Anker, d.h. banden den Kahn vom Ufer los, und gingen mit der Ebbe und einem nicht besonders guten Winde unter Segel, sobald als möglich unser Schiff zu erreichen. Aber nur Der, welcher eine solche Reise, auf einem solchen Fahrzeuge, mit einer solchen Anzahl von Passagieren gemacht hat, kann sich das Leben und Treiben vorstellen, das wir an Bord unseres Kahnes führten.
Nöthig möchte es hier sein, eine kurze Beschreibung desselben zu geben, da diese Kähne noch immer gebräuchlich sind und wohl noch Tausende von Auswanderern in solchen Trauerbüchsen aus der Heimath fortgeschafft werden.
Es sind einmastige Fahrzeuge mit einem großen Schonersegel, das am Hauptmast durch große hölzerne Ringe befestigt ist, und ein lateinisches, eben so eingerichtetes Segel am Bugspriet trägt. Die ganze Länge des Fahrzeugs beträgt ungefähr 15 Schritt, seine Breite vielleicht 5 – 6 Schritt; im Hintertheil ist es mit einer Art Kajüte versehen, wenn man überhaupt ein kleines viereckiges Loch, mit zwei Schlafstellen an der einen Seite und einem kleinen Schranke an der andern, etwa 6 Fuß in’s Gevierte, so nennen darf.
Man denke sich nun in diesem Kahne (die Kajüte stand blos zur Verfügung des Kahnführers oder Capitains, wie er sich gern nennen hörte) 60 Passagiere, mit ihren Koffern, Kisten, Hutschachteln, Tüchern voll Proviant, Mänteln, Decken, Matratzen etc. sitzend, gelagert, stehend, und zwar nicht allein junge Männer, nein, alte und junge Frauen, Greise und Knaben, junge hübsche Mädchen und alte Jungfern, Alles wild und bunt durcheinander geworfen, in dem engen, dunkeln, dunstigen Raume und man hat immer nur ein schwaches Bild von dem, was die Wirklichkeit in der That bot.
Als sich Alles gelagert und weggepackt hatte, und ich fest überzeugt war, daß es nicht möglich gewesen wäre, auch nur noch einen einzigen Menschen unterzubringen, wir hätten ihn denn unter das Deck gehangen, kamen noch ein Paar Beine durch die Luken, ihnen folgte eine blaue Jacke und dann das dicke, rothe Gesicht unseres fidelen Capitains. Nachdem er eine Weile mit den Füßen nach einem harten Punkte zum Feststehen gefühlt hatte, ließ er die Hände los und landete glücklich auf den Hühneraugen eines langen Schneiders, der sich zwischen zwei Kisten hineingeklemmt hatte und dort sitzend eingeschlafen war. Dieser zog die langen Beine vor Schmerz in die Höhe, war aber so verdutzt (der arme Teufel war noch halb im Schlafe), daß er den guten Capitain oder Theerjack, wie wir ihn nannten, höflich um Verzeihung bat.
Was aber wollte um Gottes willen der gute Mensch da unten? Nichts, als die hübschen Mädchen, die wir unter unseren Passagieren zählten, in Augenschein nehmen. Deshalb stieg und kletterte er sehr freundlich von einer zur andern und versuchte sein Bestes, sich angenehm zu machen. Wind und Wetter aber, Ort und Zeit, Alles war gegen ihn, und er bekam nur schnöde Worte von dem einen und ein Hohnlächeln vom andern Theil der Passagiere zum Lohne. Als er sah, daß das schöne Geschlecht nichts von ihm wissen wollte, machte er sich an das andere und fing an mit verschiedenen »Schnapsflaschen« zu liebäugeln. Diese zeigten sich ihm denn auch bedeutend günstiger als die jungen Damen, denn hier und da wurde eine derselben von unserem Kahnführer entstöpselt und genau untersucht.
Als es zu dunkeln anfing, mußten wir Anker werfen, denn wir hatten die aufkommende Fluth jetzt gegen uns. Der kleine Anker flog über Bord, die Segel fielen nieder, und für die Nacht wenigstens waren wir in Ruhestand versetzt. – Ruhestand, ja; ich saß die ganze Nacht hindurch auf der Ecke eines Koffers mit dem Kopfe an eine große Kiste lehnend, mit deren Vorhängeschloß ich mir die Schläfe wundscheuerte.
Welch ein Anblick am nächsten Morgen, als die aufgehende Sonne die schlafenden und schlaftrunkenen Gruppen des engen Zwischendecks beleuchtete – es war wirklich zum seekrank werden, trotz dem ruhigen Wasser. Das Wetter besserte sich übrigens und unser Kahn zog langsam den Strom hinunter. Es mochte acht Uhr sein, als uns ein kleines Fischerboot, ein Schellfischfänger, begegnete. Ich kaufte für wenige Grote einige herrliche Schellfische, die uns unser Capitano von seinem dienstbaren Geiste zum Feuer setzen ließ. Natürlich aß er, als sie zubereitet waren, auch mit. Mit eintretender Fluth ankerten wir von Neuem, und H. und ich fuhren mit dem einzigen Matrosen, den wir hatten, an Land, wieder einige Provision einzunehmen. Unsere Wasserfahrt drohte etwas langwierig zu werden. Nachmittags lichteten wir mit der Ebbe den Anker und kamen bis an ein kleines Städtchen, ich glaube es heißt Brake, von wo uns fröhliche Tanzmusik entgegenschallte.
Unser Theerjack wäre aber da nicht vorbeigefahren, und wenn die ganze Bremer Admiralität daneben Schildwacht gestanden hätte. Trotz dem günstigen Winde und der Ebbe wurde geankert, und der kleine Handkahn, den er, hinten angebunden, immer mit sich führte, brachte wenigstens den jüngeren Theil der Passagiere (einige ganz junge Schreihälse ausgenommen) an’s Ufer.
Dort drehten sich viele Stunden lang, vielleicht zum letzten Mal, die jungen Leute auf vaterländischem Boden lustig nach dem Tact der Violinen und Clarinette. Mir aber war freilich nicht wie Tanzen zu Muthe, und in eine Ecke gedrückt, sah ich dem wilden Schwarme der Ausgelassenen zu. Mancher von ihnen hätte sich auch vielleicht lieber in irgend einem stillen Winkel recht herzlich ausgeweint, als hier die Beine im Tact herumzuwerfen, aber die Musik betäubte, was ihnen im Herzen brannte, und einmal in den Strudel hineingerissen, gaben sie sich ihm nun so viel williger hin.
Die einbrechende Nacht rüttelte da endlich das sonst eben nicht sehr zarte Kahnführergewissen unseres »Capitains« empor. Der Wind war zur Ausfahrt günstig, und er wußte, daß das Schiff auf der Rhede seiner wartete. Er trommelte daher seine Ladung zusammen, und bald ließen wir die sich in der Ferne recht gut ausnehmenden Klänge der Tanzmusik weit zurück.
Einen Spaß hatten wir übrigens, wenn auch auf Unkosten Anderer, der uns die Zeit wenigstens etwas verkürzte. In Vegesack, einem kleinen Städtchen an der Weser, hatten wir noch drei Pasagiere eingenommen, die ebenfalls mit unserem Schiffe fahren wollten, einen älteren Mann, vielleicht 45 bis 50, seine Ehehälfte, vielleicht 38 bis 39, und ihren hoffnungsvollen Sohn, ungefähr 18 Jahre alt. Da in dem Zwischendeck unseres Kahnes aber keine drei Personen mehr untergebracht werden konnten, so hatte ihnen Theerjack, natürlich gegen eine verhältnismäßige Vergütung, seine »Kajüte«, wie er es nannte, abgetreten. Mit nicht geringer Schwierigkeit war es dabei gelungen, die beiden alten, etwas unbeholfenen Leute hinunter zu schaffen, während Wilhelm (der hoffnungsvolle Sohn) mit desto größerer Schnelle unten anlangte. Als er sich nämlich überzeugen wollte, ob seine Eltern glücklich unten wären, rutschten ihm die Füße aus, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr er zwischen den zum Tode Erschrockenen nieder, im Vorbeigehen noch seiner Mutter, die bald in Ohnmacht gefallen wäre, den Hut abreißend.
Als es schon fast Abend geworden war, fiel es unserem Führer noch ein, daß er Theer brauche. Derselbe stand in eben dieser Kajüte, und zwar unter dem Fußboden, in den ein viereckiges Loch mit hineingepaßtem Deckel eingeschnitten war.
Der Matrose, der, beiläufig gesagt, in Brake zu viel geladen und dabei die Grundregel bei dem Befrachten eines Schiffes vergessen hatte, die schwersten Sachen nie in den obern Raum zu stauen, taumelte in die enge Oeffnung hinein und machte dem Kleeblatt da unten begreiflich, daß er das viereckige Loch in der Mitte aufmachen müsse und sie sich daher, so gut es ginge, an die Wand drücken möchten. Gesagt, gethan. Die Aufforderung, sich an die Wand zu drücken, war übrigens leichter ausgesprochen, als in Ausführung gebracht, da schmale Bänke an den niederen Wänden hinliefen. Der Verschlag wurde jedoch geöffnet, der eiserne Topf hervorgezogen und mit dem einen scharfen Fuße gerade auf Wilhelm’s Zehe niedergesetzt, der den Fuß zurück und die Ferse hinten gegen die Wand schlug. Aber sein Leidenskelch war noch nicht vorüber. Mit himmlischer Geduld erwartete er den Abzug des Matrosen, der den Topf mit beiden Händen in die Höhe hob, ihn dem obenstehenden, schon die Hände danach ausstreckenden Kahnführer zuzureichen. So glücklich sollte die Sache aber nicht abgehen; der ziemlich schwere Topf mit dem flüssigen Theer drehte sich in des Taumelnden Hand – Wilhelm bekam den Theer und der Capitain den Topf, und während der Letztere oben wie ein Heide oder, viel besser, wie ein christlicher Seemann wetterte und fluchte, stand Wilhelm unten wie Butter an der Sonne, mochte sich nicht einmal anfassen und schnitt ein höchst unglückseliges Gesicht.
Auch noch den Spott mußte er dabei erdulden, denn ein langer Schneider, der mit an Bord war, meinte unter dem Hohnlachen der gefühllosen Mitpassagiere, daß Wilhelm eine sehr glückliche Reise haben müsse, wenn nur irgend Wahrheit in dem alten Sprüchwort läge : »Wer gut schmeert, der gut fährt.«
Noch eine ganze Nacht mußten wir in dem erschrecklichen Kasten zubringen, und es würde Bogen füllen, alle die komischen und ernsthaften Geschichten zu erzählen, die da vorfielen. So etwas aber muß wirklich mit erlebt sein, es läßt sich nicht mit Worten beschreiben und würde den Leser zuletzt gar ermüden.
Am nächsten Morgen sahen wir das nächste Ziel unserer Bestimmung, die Barke »Constitution« mit aufgehißter Signalflagge vor Anker liegen. Wir liefen an sie hinan, warfen unsere Taue hinüber und sprangen an Bord.

 

Anmerkungen

 

Friedrich Gerstäcker, 1816 in Hamburg geboren und – nach dem frühen Tod seines Vaters – in Braunschweig aufgewachsen, wollte 1837 nach Amerika auswandern und reiste auf der besagten Barke »Constitution« als Zwischendecks-Passagier nach New York. In Amerika betätigte er sich in unterschiedlichen Berufen, erkundete das Land, kehrte aber schon 1843, heimwehkrank, nach Deutschland zurück. Dort veröffentlichte er im folgenden Jahr sein erstes Buch, die »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas«, das ihn schlagartig als Autor bekannt machte. Es folgten seine großen Abenteuer- und Reiseromane wie die »Regulatoren in Arkansas« oder die »Flußpiraten des Mississippi«, auch eine große Anzahl von Erzählungen, deren Schauplätze in Deutschland liegen (etwa die bezwingend unheimliche Novelle »Germelshausen«). Doch immer wieder zog es Gerstäcker hinaus in exotische Fernen; und als er am 30. Mai 1872 in Braunschweig unvermutet an einem Gehirnschlag starb, hatten seine Koffer schon wieder zu einer neuen Reise bereit gestanden.

1856 hatte Friedrich Gerstäcker, zwölf Jahre nach der Erstausgabe, von seinem Debutwerk, den »Streif- und Jagdzügen«, eine Neu-Auflage herausgebracht – »tüchtig durchgearbeitet und Manches darin abgeschliffen und geändert«. Aus dem ersten Kapitel dieses Bandes stammt unser Textauszug, die aparte Schilderung der mehrtägigen, auf der Unterweser zwischen Bremen und Bremerhaven absolvierten Zubringer-Fahrt zum USA-Segler.

 

Quelle

 

Friedrich Gerstäcker, Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas. In: Gesammelte Schriften. Volks- und Familien-Ausgabe. Erste Serie, Bd. 18. Jena : Costenoble, o.J. [1872 – 1879], S. 7 – 13

 

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Gesammelte Schriften Volks- und Familien-Ausgabe. Erste Serie, Bd. 18. Costenoble Jena #o.J. ###morelink###