Kindheit und Jugend in Winsen an der Luhe

Autor

Johann Peter Eckermann

Eckermann 1825, Bild von Johann Joseph Schmeller

- 1820 -

In früherer Zeit der ersten Ehe hatte mein Vater einen kleinen Handel gehabt, war aber wie man sagte durch zuviel gutmüthiges Zutrauen heruntergekommen und verarmt. Bey meiner Zeit, wo er schon alt war, suchte er einigen Verdienst dadurch, daß er auf die Dörfer der Heidegegend ging und wollene Strümpfe und Beiderwand aufkaufte, die er an dem jenseitigen Elbufer in Vierlanden, hausiren gehend, wieder absetzte. Als ich so weit herangewachsen war, pflegte ich ihn auf diesen Touren zu begleiten und einen Bündel tragen zu helfen, und ich erinnere mich dieser Zeit als einer für mich sehr glücklichen, denn ich ging nicht gerne in die Schule.  Die Mutter ließen wir in solchen Tagen und Nächten alleine im Hause zurück; die denn auch ihrerseits zum Erwerb das Ihrige beytrug, und für andere Leute Wolle spann, worin sie sehr geschickt war.

Bis zu meinem 14. Jahr kam ich wenig in die Schule. Denn wenn ich nicht den Vater begleitete, so arbeitete ich nach dem Bedürfniß der Jahreszeit entweder auf unserm kleinen Acker, oder hütete die Kühe, oder holte für den Bedarf des Heerdes Holz oder von der ausgetretenen Elbe angespülte und zurückgelassene Streu, oder ich las auch Ähren auf dem Felde, denn wir waren sehr arm, oder fing Fische, welches letztere der Mutter, wenn wir einen Franzosen im Quartier hatten und sie oft nicht zum Abendbrod raten konnte, denn sehr zu passe kam.

Im Winter ging ich wohl in die Schule, suchte mich jedoch so viel wie möglich drum hinweg zu machen. Dagegen entwickelte sich in mir ein Talent zum Zeichnen. [...] Unter diesen Beschäftigungen wuchs ich in freier Natur in reiner frommer Unschuld auf, und hatte am Abend eine stille Freude, wenn ich meinen armen Ältern am Tage recht nützlich gewesen war. Ich ging meinen stillen Gang unter der Menge hin und doch hatte dieser und jener unter den Vornehmen ein Auge auf mich geworfen und in meinem Innern wohnte immer eine leise Ahndung von etwas Großem was mir in der Zukunft bevorstehe.

Oft begleitete ich meinen alten Vater auf seinen Wanderungen von einem Dorfe zum andern, lag Nachts bey ihm auf der Streu zwischen handelnden Juden und Kesselflickern, und wenn wir bey Tage auf einer öden Heide wanderten und ich zuweilen etwas zurückblieb, so wurde mir bange und ich eilte meinem Alten nach und schmiegte mich an seinen Arm und sah bange rücklings umher. Wenn wir dann wieder einem Dorfe naheten so eilte ich vorauf und kroch an den Zäunen mit dem überhängenden Heidedache umher und suchte Vogelnester. [...] Mein Alter lächelte dann über meine große Leidenschaft, denn wenn ich auch noch so müde hintnangeschleppt war, so konnte ein solches Vogelnest mich neu beleben und auf die Beine bringen. - Wir streiften dann von einem Dorfe zum andern, mein Vater erhandelte von den Bauernmüttern Strümpfe und Federposen und ich krümmte unterdeß an den Heidzäunen umher und suchte Grauertschen-Nester und diejenigen Dörfer wo ich ein solches Nest wußte hatten in meinem Hirn ihre besonderen Plätze. Es ward mir gewöhnlich sehr schwer, von einem solchen Dorfe mich zu trennen; aber wenn es dann gegen Abend kam, die Sonne zu sinken begann und wir das Dorf worin wir unser Nachtlager nehmen wollten, nicht weit mehr vor uns liegen sahen, so besprachen wir uns über das Abendbrod, das uns die Wirthsmutter machen sollte, und unser beiderseitiger Wunsch fiel dann gewöhnlich auf süße Milch mit Semmeln und Buchweitzen-Pfannenkuchen, den wir mit Syrup bestreichen wollten, welchen mein Vater zu diesem Behuf in einem großen vierkantigen Glase bey sich zu führen pflegte.

Wenn wir dann in unsere Herberge angekommen waren, so bestellte mein Vater unser berechnetes Abendbrod, wir legten unsern Bündel in die Ecke beym Fenster auf die Bank, setzten uns dabey hinterm Tisch und lüfteten uns von der getragenen Tageslast und Hitze. Die geschäftige Wirthsmutter rührte sich unterdes fleißig vorm Herde beym Feuer und bereitete unser Abendbrod, während ich bereits einen von den hinter mir am Fenster im angepinnten Leder steckenden hölzernen Löffeln, einen recht glatten und gelben aus Spielbaumholz, gezogen hatte, und meine Blicke auf die Thür richtete, wo bald die Mutter mit der rauchenden Milch hereintreten mußte. Indeß waren denn auch der Wirth mit den Knechten und Mägden vom Felde nach und nach in die Stube getreten, hatten uns guten Abend gesagt, und sich an unsere Plätze hinterm Tisch gesetzt; dann hatte jeder von ihnen auch seinen hinter ihm am Fenster steckenden hölzernen Löffel gezogen, und ihre Blicke waren gleichfalls auf die Thür gerichtet, wo die Magd die rauchende Grütze hereintrug. Der Großknecht zog sein Messer und schnitt das Brod vor, die Magd trug dann die Grütze und gebratene Kartoffeln herein, und die hungrig gewordenen Arbeiter ließen es sich schmecken. Wir plockten dann unsere Semmeln in die aufgekochte süße Milch - mein Alter freute sich, wenn die Semmeln so recht dick darin aufgiengen, und wir schmausten wie die Fürsten. Dann kam auch der von duftendem Öhl braun glänzende Pfannenkuchen, mein Alter schnitt ihn kreuzweis durch und freute sich wenn er recht locker war und viele Augen hatte, meine Zunge schmeckte schon nach dem Syrupglase - und wenn ein Stück dann recht braun mit dem dicken Safte bestrichen war, so wußte ein Bissen nach dem andern so recht köstlich hinunter zu gleiten. Bey einem solchen Mahle waren wir denn ganz glücklich, und wenn wir so erquickt und gelabt und die Magd uns ein Lager von duftendem Stroh gemacht hatte, so legten wir uns nieder und rasteten unsere müden Glieder. Mein Vater pflegte dann auf dem Lager gemüthlich ein Pfeifchen zu rauchen und ich drängte mich mit kindlicher Liebe recht dicht an ihn hinan und schlief süß ein.

Anmerkungen

In seinem berühmten Buch »Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens«, dem Werk, das den Namen Eckermann unsterblich, ja: sprichwörtlich, gemacht hat, gibt Johann Peter Eckermann 1836 einleitend Auskunft über sein Leben: abgeklärt und stilbewußt. Sein Biograph Heinrich Hubert Houben fand dagegen im Nachlaß des Schriftstellers mehrere autobiographische Entwürfe, in denen Eckermann - damals noch nicht der »Adlatus« und »Amanuensis« des Weimarer Dichterfürsten - ein ausführlicheres, unverstellteres Bild seiner Kindheit und Jugend in Winsen a. d. Luhe liefert. Und aus seinem 1820 in Hannover handschriftlich entworfenen Lebensbericht stammt der obige Text.

Quelle

Johann Peter Eckermann, [Lebensbericht] in: H. H. Houben, J.P. Eckermann. Sein Leben für Goethe.  Leipzig, Haessel, 1925, S. 7 - 18