Worpswede, Worpswede, Worpswede!

- Tagebuchblätter 1897 -

Worpswede, im Sommer 1897
Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene=Glocke=Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln. Es ist ein Wunderland, ein Götterland. Ich habe Mitleid mit diesem schönen Stück Erde, seine Bewohner wissen nicht, wie schön es ist. Man sagt es ihnen, sie verstehen es nicht. Und doch braucht man kein Mitleid zu haben, nein, ich habe keins. Nein, Paula Becker, habe es lieber mit Dir, daß Du nicht da lebst. Und das auch nicht, Du lebst ja überhaupt, Du Glückliche, lebst intensiv, das heißt: Du malst. Ja, wenn das Malen nicht wäre?!... Und weshalb Mitleid haben mit diesem Land? Es sind ja Männer da, Maler, die ihm Treue geschworen haben, die an ihm hängen mit unendlicher, fester Männerliebe!... Da ist erst Mackensen, der Mann mit den goldenen Medaillen in den Kunstausstellungen. Er malt Charakterbilder von Land und Leuten; je charakteristischer der Kopf, desto interessanter. Er versteht den Bauern durch und durch. Er kennt seine guten Seiten, er kennt sie alle, er kennt auch seine Schwächen. Mir deucht, er könnte ihn nicht so gut verstehen, wäre er nicht selbst in kleinen Verhältnissen aufgewachsen. Es klingt hart von mir, grausam hart, es liegt ein großer Dünkel darin, und doch muß ich es sagen. Dies »In kleinen Verhältnissen Aufgewachsensein« ist sein Fehler, für den er ja selbst nichts kann. Daß der Mensch es doch nie abschütteln kann, wenn er mit dem Groschen gekämpft hat, auch später nicht, wenn er im Wohlstand lebt; der edle Mensch wenigstens nicht. Dieser Kampf läßt Spuren zurück. Sie sind fast unsichtbar, aber ihrer sind viele, viele. Ein geübtes Auge entdeckt jeden Augenblick eine neue. Der ganze Mensch war gebunden gewesen, festgebunden. Mangel an Geld schmiedet uns fest an die Erde, man bekommt die Flügel beschnitten, man merkt es nicht, weil die Scheere ganz vorsichtig täglich nur eine Ahnung abschneidet. Was hat dies böse, böse Schicksal den Menschen schließlich allmählich abgeschnitten! Das Große, Unbefangene, das unabhängig Stürmende, das Stück Prometheus, das titanenhaft Kräftige im Manne, die Urkraft, die geht verloren. Ist das nicht hart? So ist es auch bei Mackensen. Er ist ein famoser Mann, geklärt in jeder Beziehung, steinhart und energisch, zärtlich weich zu seiner Mutter. Doch das Große, das unsagbar Große, das ist verloren gegangen. Im Leben nicht, in der Kunst. Schade, schade.

Der zweite im Reigen ist der kleine Vogeler, ein reizender Kerl, ein Glückspilz. Das ist mein ganzer Liebling. Er ist nicht so ein Wirklichkeitsmensch wie Mackensen, er lebt in einer Welt für sich. Er führt bei sich in der Tasche Walther von der Vogelweide und des Knaben Wunderhorn. Darin liest er fast täglich. Er träumt darin täglich. Er liest jedes Werk so intensiv, den Sinn des Wortes so träumend, daß er das Wort selbst vergißt. So kommt es, daß er trotz des vielen Lesens keins der Gedichte auswendig weiß. Im Atelier in der Ecke steht seine Guitarre. Auf ihr spielt er verliebte alte Weisen. Dann ist er gar hübsch anzusehen, dann träumt er mit seinen großen Augen Musik. Seine Bilder haben für mich etwas Rührendes. Er hat sich die altdeutschen Meister zum Vorbild genommen. Er ist ganz streng, steif streng in der Form. Sein Frühlingsbild, Birken, zarte, junge Birken mit einem Mädchen dazwischen, die Frühling träumt. Sie ist sehr steif, fast häßlich. Und doch ist es für mich etwas Rührendes, zu sehen, wie dieser junge Kerl seine drängenden Frühlingsträume in diese gemessene Form kleidet. Das strenge Profil des Mädchens schaut sinnend einem kleinen Vogel zu; fast ist es eines Mannes Sinnen, fast wäre es eins, wenn es nicht wieder so etwas Gehaltenes, Träumendes in sich hätte. Das ist der kleine Vogeler. Ist er nicht reizend?

Dann ist da noch der Modersohn. Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften, die ich auf Ausstellungen sah, hatten tiefe Stimmung in sich. Heiße, brütende Herbstsonne, oder geheimnisvoll süßer Abend. Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn.

Nun kommt der Overbeck. Ihn habe ich versucht, fühlend zu sehen. Ich habe ihn aber nicht richtig fassen können. Seine Landschaften sind tollkühn in der Farbe, doch ich glaube, sie haben nicht das Modersohnsche Empfinden.

Hans am Ende kenne ich gar nicht.

Ein Schröder, der augenblicklich in Worpswede ist, gehört, glaube ich, doch nicht zu den »Worpswedern«; er soll sehr »musikalisch« musizieren.

An unserem Mittagstisch der Berliner Maler Klein, ein hübscher Kerl mit weichen, frauenhaften Zügen und feinen, nervösen Händen; im braunen Sammetanzug. Als Künstler kenne ich ihn nicht. In irgend einem Verhältnis zu ihm steht Fräulein von Finck, denn sie duzen sich. Ich war auf sie schon vorbereitet und war also nicht so sehr erstaunt, sie in Hosen zu Tisch kommen zu sehen. Sie interessiert mich. Sie scheint klug zu sein. Sie hat vieles gesehen, ich glaube empfindend gesehen. Sie hat in Paris studiert, wie lange? Mit welchem Erfolg? Ich weiß es nicht, jedenfalls möchte ich rasend gern was von ihr sehen.
Das sind die Priester, die Dir, Worpswede dienen.

Worpswede, Worpswede, Du liegst mir immer im Sinn. Das war Stimmung bis in die kleinste Fingerspitze. Deine mächtigen großartigen Kiefern! Meine Männer nenne ich sie, breit, knorrig und wuchtig und groß, und doch mit den feinen, feinen Fühlfäden und Nerven drin. So denke ich mir eine Idealkünstlergestalt. Und Deine Birken, die zarten, schlanken Jungfrauen, die das Auge erfreuen. Mit jener schlappen, träumerischen Grazie, als ob ihnen das Leben noch nicht aufgegangen sei. Sie sind so einschmeichelnd, man muß sich ihnen hingeben, man kann nicht widerstehn. Einige sind auch schon ganz männlich kühn, mit starkem, geradem Stamm. Das sind meine »modernen Frauen«...

Und ihr Weiden, ihr alten knorrigen Stämme, mit den silbrigen Blättern. Ihr rauscht so geheimnisvoll und erzählt von vergangener Zeit. Ihr seid meine alten Männer mit den silbrigen Bärten; ja, ich habe Gesellschaft genug, meine ganz eigene Gesellschaft, wir verstehen uns gegenseitig sehr gut und nicken uns oft liebe Antwort zu.

Leben! Leben! Leben!

Anmerkungen

Paula Becker, in Dresden geboren, war im Frühjahr 1897 nach Worpswede gekommen, wo sich zwei Jahre zuvor die inzwischen legendäre Künstlerkolonie gebildet hatte. Paula Becker, die im Jahr 1896 an einer Berliner Kunstschule ihre Mal-Studien begonnen hatte, nahm in Worpswede Unterricht bei Fritz Mackensen. Auch »diesen Modersohn« lernte sie bald näher kennen, und 1901, nach dem Tod seiner Frau, heiratete sie ihn. Worpswede wurde ihr freilich bald - künstlerisch - zu eng: sie führte ein Wanderleben zwischen Worpswede und Paris, arbeitete dort mit Cézanne und Rodin, verließ 1906 ihren Mann, um ganz in Paris zu leben, kehrte aber schließlich im Frühjahr 1907 mit Otto Modersohn nach Worpswede zurück. Am 2. November brachte sie dort ein Mädchen zur Welt, doch wenige Wochen später starb sie 31jährig - Paula Modersohn-Becker, die herausragende Gestalt des Worpsweder Künstlerkreises.

Quelle

Paula Modersohn-Becker, Briefe und Tagebuchblätter (Hrsg. S.D. Gallwitz), München: Kurt Wolff, 1925. S. 21 -24.