»Wo is he bleven? Mortuus est!«

Autor

Jacobus Sackmann

Sackmann nach einer zeitgenössischen Darstellung


- um 1700 -

Leichenpredigt gehalten zu Limmer bei der Beerdigung des Künstlers und Schulmeisters Michel Wichmann

Gar sünderlikke un merkwürdige Woorde sünt et, myne andächtige, herzlich geliebte, zum Theil schmerzlich betrübte Zuhörer! welke wy by dem eersten under den veer groten Profeten, ek meene den heil. Profeten Esaias, upgeteknet findet, wenn he sek also vernemen let: »Es spricht eine Stimme: Predige! und er sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Heu!« Düsse Woorde staat beschreven im veertigsten Kapittel, dasülves im sößden Vers.

Myne Andächtige! Ek will my nich wydlöftig inlaten, to ünnersöken, un ut düssen Woorden to bewysen trachten, dat et schon to Esaias Tyden in Gebruuk wesen, selig verstorvenen Personen eene kristlikke Lykenpredigt, oder weinigstens eene Standrede to holen, und dat dat viellicht schon damals den leven Profeten as een pars salarii met anräknet worden, da jy anedem sacht denken könt, dat ek von usen sel. Schaulmester vör düsse Moie niks nemen were, sondern ek will man sau veel seggen: as ek vörrigen Frydage, da ek noch an Dische sat, un eben myn betken Stockfisch mit grönen Arften to Lyve brocht hadde, un een Slüsken Kümmel=Aquavit darup setten wolde, zu besserer Verdauung der lieben harten Speise, myne jüngste Dochter Anntrynken togelopen kam, un ut vollem Halse reip: Papa, de Schaulmester is dood! (Se hedde wol toiven mögt, bet dat ek de Maltyd sloten hedde, averst de Kinner verstaat dat so nich). Asse myne Dochter, segge ek, my dat toreip, so düchte my dat eben so veel to syn, as wenn da steit: Es spricht eine Stimme: Predige! und er sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Heu! Manch wysnäsige Kumpan möchte hyr seggen: »Wat preddigt unse Pastor? Ist alles Fleisch Heu, so mot ook wol alles Heu Fleisch wesen!« My dücht aber, he wold' eene kruse Näse maken, wenn man em up der Köste anstatt Fleisch, Heu vorsätte. Ja, dat hedde ek ook Oorsake, du grove Gesell! Solst du dynen Seelenhirten ook wol vor eenen Heu-Ossen anseen! Daby sühst du eben, wo unentberlicke Lüde Lerer und Preddiger sünt, üm de Woorde recht uttoleggen: »Alles Fleisch ist Heu« will so veel seggen: Alle Menschen sind wie Heu, sind so vergänglich wie Heu, oder, as de kristlikke Kerke singt: »Alle Menschen müssen sterben, Alles muß vergehn wie Heu.« Alle Menschen, keinen utgenomen, as Henoch und Elias; averst een oder twei Swaalken maket keinen Sommer. Ja, wenn sek de Dood mit Gelde wolde afkopen laten, so däde manch Schrap=Hals synem Harten noch wol eenen Stot, un telle een Dusend Dalerken af, un wenn et ook luter Wildemannsdrüddel wesen mösten; averst de Dood let sek de Hand nich smären; he maket et as unse Schaulmester, de plegde to seggen: »Wat Vedder! was Fründ! Junge trekk de Böxen af!« De Dood let sek ook dorch Soldaten, dorch Hellebarden un Flinten nich afschrekken; nee! saune ole Hore is he nich!

Up den Slotte to Hannover is immer een starke Wache, averst se het öhn doch nicht afholen kunt, dat he nich in de förstlikken Gemakke hinin drungen un nich alleen alle förstlikken Kinner un Gemalinnen, sündern ook den Landesherrn sülvest overwäldiget het. Up düssen Slotte wonede as ek noch een Schöler was, de Hertog Georg Wilhelm. Averst wo is he bleben? Mortuus est! - As düsse, na synes öldesten Broders Doode dat Förstentum Zelle antrad, so trokke syn Broder Johann Friederich up dat Hannoversche Slott; averst wo is he bleven? Mortuus est! Düsse wolde dat Zellesche Förstendom ook lever hebben, wyl et een betken meer inbröchte; se trokken ook schon gegen einander to Felde, dat er ball so een Pannekokenkryg ut entstaan wöre; averst gode Lüde legten sek in't Middel, (Lieben Herren, wie habt ihr doch das Eitle so lieb! sagt David im andern Psalm) dat alles vergeven und vergetten was. Un dat is ook am besten. Friede ernährt, Unfriede verzehrt. Düsse Johann Friederich was een braaf Mann, unbenomen dat he katholisch was; da kregen de Paters de Slott=Kerke in, un lesen dar de Misse, dat gaf een grot Upseen in Hannover; ek ging er sülvest mannigmal hen, as ek noch so'n junk Bengel was, deils, Godd mag my de Sünde vergeven! pur ut Neschierigkeit, deils ook, de schöne Musik antohören. Ja, dat kann ek seggen, as ek se to'm eersten Male hörede, so dachte ek nich anners, as dat ek im Himmel wöre; so kunnen de Bloodschelme quinkeleeren! Ole Kerels von dörtig, veertig Jaaren sungen eenen Discant so hoog, so hoog as de beste Deeren; dat maakd' averst, dat se kapunet wören, dergleichen Leute sie in ihrer Sprache Castraten heißen. Seet eemal! wat lacht doort de beiden groten Deerens met einander? viellicht daröver, dat ek von Kapunen segge? Ek glöve, jy wetet ook schon, wo Barteld Must halet, un jük wöre wol met so eenen Kerel nich gedeenet, un wenn he noch so schöne Stüksken sünge! So eenen armen Schelme is wol nich lachhaftig to Mode. Wie ein Verschnittener seufzet bei einer Jungfrauen, sagt der weise Salomo. Ek hole et ook vör Unrecht, dat se de Minschen so verstümmelt, of et gliek wahr is, dat se ganz vordreflik singet. Doch dat gefäll mek ook nich, dat se de Woorde so dulle utsproken; to'm Exempel, wenn da stund: Ceciderunt, so sungen se Tschetschiderunt. Dat is jo een dummen Snakk; welker Düvel sall dat raden, wat dat heten sall? Weren se by unsen sel. Schaulmester in de Schaule gaan, de wull se anders baukstabeeren leert hebben. Ek hebbe my seggen laten, dat se in ganz Italien so undütsch spräken sollen.

Na Hertog Johann Friederich kam syn Broder Ernst August na Hannover. Averst wo is he bleven? Mortuus est! Düsse Herr was averst Lutherischer Religion un Bischop to Osenbrügge. He hadde ook eene Fru, nach der Ermahnung Pauli: Ein Bischof soll sein eines Weibes Mann. By den Katholischen is et sonst verboden, dat de Geestlikken Fruens hebben dörft, averst Horen dörft se wol hebben; doch, sachte wat! ek sull wol nich Horen seggen, dat is to groff; de höflikken Lüde hetet et Maitressen. Ja, ek bin nu so noch na der olen Welt; da heet man een jedes Dink by synem rechten Namen, un my dücht, so stund ook noch alles beter to. Jetzund averst, da een Futterhemd nich meer Futterhemd, sündern eene Weste heet, da eene Karete nich meer Karete, sündern eene Chaise, eene Hore eene Maitresse, un een Stück Schelms een Politiker heet, nu ist dat Beste van der Welt af.

Da nu de Dood de Försten, Kaiser un Könnige nicht mal verschonet, wat is et denn to verwunnern, dat he sek an unsem Schaulmester ook vergrepen het, of he glyk ehr een lank Leven verdeine, as mannig Först un Könnig, de met synen Underdanen ümgeit, as of se Hunne wören. Unse sel. Schaulmester was een sehr nützlik Mann im ganzen Dörpe. Es sind zwar auch andere Hirten, also hat man Kauhirten, Schaaphirten, Swynehirten; man het ook Gösehirten; wie man aber zu diesen letztern insgemein nur Jungen oder Mädchen nimmt, und sie also den andern Hirten nicht gleich hält, also dörf jy ook nich meenen, een Hirte ist een Hirte, as jene Mann säe: een Ei ist een Ei! un nöm' dat grote Ei vör sek.

Nee! vörwaar so grot de Underscheid is under Schaapen, Swynen, Ossen un Minschen, so grot is he ook under Seelenhirten un anderen Hirten. Een solke Seelenhirte was denn ook unser sel. Mitbruder, jedoch wie schon gedacht, in einem niedrigeren Verstande als ich, der ich summus episcopus, der Oberhirte dieser Limmerschen Heerde und Gemeinde bin. De gude selige Mann hadde de jungen, ek hebbe de olen Seelen under myner Upsicht; he weide de Lämmer, ek de Schaape. Ja, Schaape günge noch wol an, wenn man nich sau veele Bökke un Zägen darunner wören! diese machen einem armen Seelenhirten das Leben sauer, daß er manchmal mit dem Propheten Jonas seufzet: Ich wollte lieber todt sein, denn leben!

Unse sel. Schaulmester empfund ook syn Deil; man weet wo, wat dat is: Jugend hat keine Tugend! Averst he was er braaf achter an, wenn se maudwillig wören, oder öre Lekschonen nich leert hadden. He gink aver nich met se üm, as een Böddel, oder Tyrann, de se schinnen un fillen wull, oder se alle över eenen Kamm schoor. Nadem eener sündigede, nadem word he straft. Erst kreeg he Ohrfygen, herna Handsmette, oder Kniepkens, dann kreeg he eenen leddernen Ars vull (den toog he öhme ganz stramm in de Höögde, dat dat Hinderkasteel ganz prall word) met dem Stock vör de Böxen, un wenn he et gar to groff maakt hadde, endlik eenen rechten met der Raude vör den bloten Steert, nach der Ermahnung des weisen Königs Salomon: Wer sein Kind lieb hat, der hält es unter der Ruthen. De Rauden hadde he vorher in't Water leggt, dat se beter dörtrokken; un de Strafe is ook am besten; da beholet de Jungens heile Knoken by. He hadde eenen besondern Handgriff daby; wenn de Böxe herunner was, so kreeg he den Jungen twischen de Bene, slaug syn recht Knee over öme her, met der linken Hand heilt he öme dat Genikke nedder; da hadde he öhn in syner Gewald, dat he keenen Spalks maken kunne, wenn he met der rechten Hand hauede. Dat hebbe ek ook noch van öme leert un by mynen Kinner ook so maakt; denn artifici in sua arte credendum est. Mannigmal mosten se sek ook wol met dem bloten Knee up Kirschensteene setten, un dat hulp by etliken meer as Släge; na der Regul Pauli: Prüfet alles und das Gute behaltet!

He heilt averst nich alleen gude Tucht by synen Lämmern, sündern he weide se ook so, dat se wat lereden. Veele ünner jük jungen Bengels wörren't so wyd nich brocht hebben, dat se et mannigmal wettet, wenn ek en Vers oder Kapittel unrecht anföre, wenn se nich so en gladden Schaulmester hat hedden! de was bibelfast un he wust et glyk, of een Book im nyen oder olen Testamente stund, un wenn eener by öhme niks lerede, so lag de Schuld nich an öhme. He was ook nich een Schaulmester na der gemeenen Art; nee! een paar Mylen wyder von der Stad hedde he to'r Nood eenen Pastor afgeven kunt, wenn he man wöre up Unversteiten wesen. De andern Preddiger up der Naberschap heft sek faken over öhne wunnert, wenn se öhne reden hörden, un to my segget: Herr Confrater! (so nennet wy Preddigers uns under einander) wo het he den klooken Schaulmester herkregen? Saune Gäste plegget den Pastoren veel to daun to maken, averst dat däde he nicht, de sel. Mann; he gaf my alltyd mynen Respect, als seinem Oberhaupt, nach der Ermahnung Pauli: Ehre, dem Ehre gebühret! Römer am 13. [...].

Nun so schlafe sanft in deinem Grabe, du getreuer Hirte der Limmerschen Lämmer! ruhe aus von den vielen Beschwerlichkeiten, die du hier auf dieser bösen Welt von Alten und Jungen ausgestanden hast. Sollten auch gleich andere so undankbar sein, und die Wohltaten, die du dieser Gemeinde erwiesen hast, nicht erkennen, so tröste dich damit, daß ich dein Oberhirte, der es doch wohl am besten verstehen muß, das Zeugniß ablege:

Michel Wichmann ist nächst dem Pastor der nützlichste Mann im ganzen Dorfe gewesen.

Anmerkungen

Jacobus Sackmann, Pastor im (damaligen) Dorfe Limmer, pflegte seine Predigten nicht aufzuschreiben - was davon, relativ frühzeitig, im Druck erschien, waren Mitschriften seiner Zuhörer, und allerlei Sackmann-Predigten, die im 18. und 19. Jahrhundert kursierten, sind auch derbe Fälschungen. Doch vier überlieferte Predigten hält die Sackmann-Forschung für  echt. Und eine davon ist die oben - in Auszügen - mitgeteilte.

Quelle

Jobst [muß heißen: Jacobus] Sackmann, Predigten. Celle : E.H.C. Schulze, 18535, S. 23 - 50.