Von der Berechtigung der Existenz des Städtchens Holzminden

Autor

Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe, Portrait von Wilhelm Immenkamp

- 1861 -

Aus: »Der heilige Born«

Holtesminne oder Holtesmeni oder auch Holtesminnethun hieß bereits zur Zeit Karls des Großen dieser vergessene Erdenfleck. Die erste Benamsung steht auf dem alten Stadtsiegel.

Was Minne ist, weiß ein jeder, oder sollte wenigstens ein jeder wissen, und Holtesminnethun bedeutet ein gar angenehmes, liebliches, minnigliches Ding und Örtchen am Holze - ein Winkelchen im grünen Walde, versteckt zwischen Berg und Tal - ein Eckchen gemacht für ein glückliches weltvergessenes Dasein! Und wahrlich, es ist gar kein übel gewählter Name für das Nestchen!

Der große Wald, der Solling, zieht sich von Osten und Süden gegen die Feldmark der Stadt hinab, und hübschgeformte Berge blicken über die Stifter Corvey und Paderborn herein. Im Westen erheben sich der Ziegenberg und der Brunsberg über der Stadt Höxter, dann folgt der hohe Köterberg, welcher mit dem alten Brocken die zweifelhafte Ehre teilt, ein Lieblingsaufenthalt, Absteigequartier und Tanzplatz des bösen Feindes und des verruchten, schadenfrohen Volkes der Hexen zu sein. Gegen Nordwest bespült die Weser den Fuß der Klippen des Kiekensteins, welcher mit dem Knapp, der Graupenburg, dem Borrberg und dem Eberstein im Nordosten jenen Teil des Oggegaus - pagus Auga - in welchem die Stadt Holzminden liegt, schließt.

Römische Kohorten sind hier durch den schreckenvollen, geheimnisvollen Urwald gezogen und haben die gebleichten Gebeine vorangegangener Kriegsgenossen unter Schaudern vor den unbekannten Wäldern, Göttern und Menschen bestattet. Sie haben auch versucht, Siegeszeichen hier aufzurichten wie überall; es ist ihnen jedoch nicht gelungen.

Cherusker und Sachsen haben hier gehaust und letztere hausen hier noch. Die Sachsen hatten auch eine Feste auf dem Brunsberge, einen Ringwall, welchen der große Kaiser Karl mit gewaltiger Heeresmacht belagerte, und welchen Wittekind »de Heertog« entsetzen wollte, wobei aber ein großer Teil seines Volkes von den Franken in die gelben Fluten der Weser getrieben wurde und elendiglich umkam, die alten Götter anrufend.

Viel könnte ich erzählen von dem Kaiser Ludwig dem Frommen, welcher das Stift Corvey gründete, die Gebeine des heiligen Märtyrers Stephan dahin führte, und darauf mit unendlichem Gefolge von Pfaffen und Laien, singend, betend und sich geißelnd, die Reliquien des heiligen Vitus, dessen Bild noch zu sehen ist in der Abteikirche, allwo es steht und den abgeschlagenen Kopf in dem Arm trägt.

Viel könnte ich sagen von den schrecklichen Einfällen und der grausamen Tyrrannei der Hunnen; von dem großen Abt Saracho und den berühmten Grafen von Eberstein, deren letzter am Altar der Klosterkirche zu Amelungsborn erschlagen wurde und begraben liegt, und denen die Stadt Holzminden vor undenklichen Zeiten zugehörig war. Ich bescheide mich aber und sage nur noch, daß die Grafen den Flecken Holtesminne schon im zwölften Jahrhundert zur Stadt machten, und daß die Stadt im grausigen Jahr eintausendvierhundertsiebenundvierzig viel litt, als hier dreißigtausend Hussiten über die Weser gingen, nachdem sie eine blutige, brandschwarze Spur durch das deutsche Land gezogen hatten.

Anmerkungen

Wilhelm Raabe wurde zwar in Eschershausen, im Herzogtum Braunschweig, geboren, doch gelebt hat er dort nur wenige Wochen: Seine ersten acht Kinderjahre verbrachte er in Holzminden, das er darum auch stets als seine eigentliche Heimatstadt ansah, die er später auch mehrfach zum Schauplatz seiner Bücher gemacht hat - leicht verschlüsselt in »Horacker« und den »Kindern von Finkenrode«, ganz direkt in dem - 1861 erschienenen - Roman »Der heilige Born«, den er in Wolfenbüttel verfaßte und aus dem der obige Ausschnitt stammt.

Quelle

Wilhelm Raabe, Der heilige Born. Blätter aus dem Bilderbuche des sechzehnten Jahrhunderts. In: Sämtliche Werke. Berlin-Grunewald : Klemm, o.J. [1913] Erste Serie, Band 3, S. 14 ff.