Vogelsang statt Mönchschoral

Autor

Hermann Allmers

Hermann Allmers 1895 im Kreis der Worpsweder Maler Fritz Overbeck, Otto Modersohn, Carl Vinnen, Heinrich Vogeler und Fritz Mackensen (v. li., im Uhrzeigersinn)

- 1860 -

In den Trümmern der Klosterkirche zu Hude

SIND auch ohne Dach die Reste
Dieser mächtigen Abtei,
Buchenlaub und Tannenäste
Sorgen, daß es schattig sei.

Wallen keine Weihrauchwolken
Vom Altare durch die Luft,
Hauchen doch die alten Fichten
Ihren würz'gen Waldesduft.

Meßgeläut' und Mönchschoräle
Schwiegen in den Mauern lang';
Dafür dringt aus frischer Kehle
Lust'ger Vöglein Waldgesang.

Sonnenlicht und Wolkenschatten
Spielen wechselnd ums Gestein,
Und von oben strahlt der blaue
Himmel durchs Gezweig herein.

Hoch auf Mauern, tief im Grunde,
Hier im Schiffe, dort im Chor
Ringt ein reiches Pflanzenleben
Freudig sich zum Licht empor;

Und ein selig stilles Träumen
Ist's im eingeschloss'nen Grün,
Wo aus alten heil'gen Räumen
Wieder junge Lieder blühn.

Anmerkungen

Im Jahr 1232 begannen Zisterzienser-Mönche mit der Errichtung eines Klosters in Hude/Grafschaft Oldenburg. Die anfänglichen Holzbauten wurden bald darauf durch imposante Ziegelsteingebäude ersetzt. Im 15. Jahrhundert freilich verfiel zunächst die Kloster-Disziplin, schließlich das Kloster selbst, das 1536 vom zwischenzeitlichen Landesherrn, dem Bischof von Münster, zum Abbruch freigegeben wurde. 150 Jahre später, als die Familie v. Witzleben den vormaligen Klosterbezirk erwarb, hatte immerhin das weitere Abtragen der Steine ein Ende, so daß Hermann Allmers bei seinem Besuch zwar nurmehr Ruinen, aber doch unbestreitbar eindrucksvolle Ruinen vorfand (und das sind sie auch heute noch).

Zu Hermann Allmers siehe auch unter »Friesland« und »Wesermarsch«.

Quelle

Hermann Allmers, Dichtungen, Oldenburg u. Leipzig : Schulze, 5. Aufl., o.J. [1891], S. 19 (E.A.: 1860).