Vita activa

- 1967 -

Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit – dagegen, daß man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wußte, und nicht wissen konnte, was man tat – liegt in der menschlichen Fähigkeit, zu verzeihen. Und das Heilmittel gegen Unabsehbarkeit – und damit gegen die chaotische Ungewißheit alles Zukünftigen – liegt in dem Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten. Diese beiden Fähigkeiten gehören zusammen, insofern die eine sich auf die Vergangenheit bezieht und ein Geschehenes rückgängig macht, dessen »Sünde« sonst, dem Schwert des Damokles gleich, über jeder neuen Generation hängen und sie schließlich unter sich begraben müßte; während die andere ein Bevorstehendes wie einen Wegweiser in die Zukunft aufrichtet, in der ohne die bindenden Versprechen, welche wie Inseln der Sicherheit von den Menschen in das drohende Meer des Ungewissen geworfen werden, noch nicht einmal irgendeine Kontinuität menschlicher Beziehungen möglich wäre, von Beständigkeit und Treue ganz zu schweigen.
Könnten wir einander nicht vergeben, d. h. uns gegenseitig von den Folgen unserer Taten entbinden, so beschränkte sich unsere Fähigkeit zu handeln gewissermaßen auf eine einzige Tat, deren Folgen uns bis an unser Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden, im Guten wie im Bösen; gerade im Handeln wären wir das Opfer unserer selbst, als seien wir der Zauberlehrling, der das erlösende Wort: Besen, Besen, sei’s gewesen, nicht findet. Ohne uns durch Versprechen für eine ungewisse Zukunft zu binden und auf sie einzurichten, wären wir niemals imstande, die eigene Identität durchzuhalten; wir wären hilflos der Dunkelheit des menschlichen Herzens, seinen Zweideutigkeiten und Widersprüchen, ausgeliefert, verirrt in einem Labyrinth einsamer Stimmungen, aus dem wir nur erlöst werden können durch den Ruf der Mitwelt, die dadurch, daß sie uns auf die Versprechen festlegt, die wir gegeben haben und nun halten sollen, in unserer Identität bestätigt, bzw. diese Identität überhaupt erst konstituiert. Beide Fähigkeiten können sich somit überhaupt nur unter der Bedingung der Pluralität betätigen, der Anwesenheit von Anderen, die mit-sind und mit-handeln. Denn niemand kann sich selbst verzeihen, und niemand kann sich durch ein Versprechen gebunden fühlen, das er nur sich selbst gegeben hat. Versprechen, die ich mir selbst gebe, und ein Verzeihen, das ich mir selbst gewähre, sind unverbindlich wie Gebärden vor dem Spiegel.
Die Fähigkeiten, zu verzeihen und zu versprechen, sind in dem Vermögen des Handelns verwurzelt; sie sind Modi, durch die der Handelnde von einer Vergangenheit, die ihn auf immer festlegen will, befreit wird und sich einer Zukunft, deren Unabsehbarkeit bedroht, halbwegs versichern kann. Als solche sind diese Fähigkeiten geeignet, in der Politik bestimmte Prinzipien zu konstituieren, die sich von den »moralischen« Maßstäben, welche die Philosophie seit Plato der Politik vorzuschreiben versucht, grundsätzlich unterscheiden. Diese moralischen Maßstäbe, denen der Politiker Realitätsblindheit vorzuwerfen pflegt, werden wie alle Maßstäbe von außen an den Bereich des Politischen angelegt, und daß Außen, dem sie entnommen sind, ist seit Plato der Bereich des Innerseelischen, bzw. des Umgangs mit sich selbst, der seinerseits durch Selbst- Beherrschung charakterisiert ist; wer sich nicht selbst beherrschen kann, darf von anderen beherrscht werden, deren Herrschaftslegitimation darin liegt, daß sie bereits im Umgang mit sich selbst Herrschaft und Gehorsam etabliert haben. So kann Plato den gesamten öffentlichen Bereich der Vielen im Bilde der ins Große projizierten Seelenverfassung des Einen sehen und in ihm eine Ordnung etablieren, welche scheinbar die »Natur« des Menschen, seine Dreigeteiltheit in Geist-Seele- Körper, imitiert; die Realitätsblindheit dieser Utopie liegt nicht nur darin, daß hier aus den Vielen ein Einer konstruiert wird – dies ist das eigentlich tyrannisch- gewalttätige Element der Platonischen Politik -, sondern vor allem darin, daß das Maßgebende selbst einer Erfahrung aus dem Umgang mit sich selbst, und nicht mit anderen, entstammt. Dagegen beruhen die leitenden Prinzipien, die sich aus dem Doppelvermögen, zu verzeihen und zu versprechen, ableiten lassen, auf Erfahrungen, die im Rahmen des Umgangs mit sich selbst überhaupt nicht auftauchen, in ihm gar nicht vorkommen. Will man in der Parallele mit der von außen angelegten, politischen Moral Platonischer Prägung bleiben, so könnte man sagen: so wie die Art und Weise der Selbst-Beherrschung die Herrschaft über Andere rechtfertigt und bestimmt, wird die Art und Weise, wie jemand erfährt, daß Verzeihungen gewährt und Versprechen gehalten werden, darüber entscheiden, wie weit er imstande ist, sich selbst zu verzeihen oder ein Versprechen zu halten, das nur ihn selbst betrifft. Nur wem bereits verziehen ist, kann sich selbst verzeihen; nur wem Versprechen gehalten werden, kann sich selbst etwas versprechen und es halten.
    Da die vom Handeln selbst erzeugten Gegenmittel gegen die ungeheuer widerstandskräftige Zähigkeit seiner eigenen Prozesse nur dort ins Spiel kommen, wo die Pluralität einer Mitwelt das Medium des Handelns ist, ist es so außerordentlich gefährlich, dieses Vermögen außerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten zu betätigen. Die moderne Naturwissenschaft und Technik, für welche Naturprozesse nicht mehr Objekt der Beobachtung oder ein Kraft- und Material-Reservoir oder Gegenstand der Nachahmung sind, sondern die tatsächlich in den Haushalt der Natur hineinhandeln, scheinen damit Unwiderruflichkeit und Unabsehbarkeit in einen Bereich getragen zu haben, in dem es kein Mittel gibt, Getanes und Geschehenes rückgängig zu machen. Ganz ähnlich verhält es sich mutatis mutandis, wenn man der herstellenden Fähigkeit und der ihr eigenen Zweck-Mittel-Kategorie gestattet, in den Bereich des Handelns einzudringen; auch in diesem Fall hat man sich der spezifischen, dem Handeln eigentümlichen Mittel für Wiedergutmachen beraubt und sieht sich nun gezwungen, nicht nur mit den für alles Herstellen notwendigen Gewaltmitteln zu tun, sondern auch gewalttätig ungetan zu machen, also mit den gleichen Mitteln der Zerstörung, deren man sich bedient, wenn ein herzustellender Gegenstand mißraten ist. Gerade in solchen Versuchen und ihren verhängnisvollen Folgen zeigt sich, wie ungeheuer menschliche Macht ist, deren Quelle in dem Vermögen des Handelns liegt und die ohne die dem Handeln innewohnenden Heilmittel unweigerlich anfängt, nicht einmal so sehr den Menschen zu überwältigen, wie die Bedingungen zu zerstören, unter denen diesem mächtigsten aller irdischen Wesen das Leben überhaupt gegeben ist.

Anmerkungen

Hannah (standesamtlicher Vorname: Johanna) Arendt wurde am 14. Oktober 1906 im – damals noch selbständigen – Linden geboren. (Adresse: Lindener Marktplatz 2 – am Haus ist seit längerem eine Gedenktafel angebracht). Ihre Eltern, der Ingenieur Paul Arendt und dessen Frau Martha geb. Cohn, stammten beide aus Königsberg. 1909 zog die Familie dorthin zurück. Wie Hannah Arendt 1964 in einem ZDF-Gespräch mit Günter Gaus sagte: »Ich komme aus einer alten Königsberger Familie«. Und : »Was die persönliche Erinnerung angeht: Ich habe von Haus aus nicht gewußt, daß ich Jüdin bin. Meine Mutter war gänzlich areligiös. Mein Vater ist früh gestorben. Mein Großvater war Präsident der liberalen Gemeinde und Stadtverordneter von Königsberg. Trotzdem, das Wort ›Jude‹ ist bei uns nie gefallen, als ich ein kleines Kind war. Es wurde mir zum ersten Mal entgegengebracht durch antisemitische Bemerkungen – es lohnt sich nicht zu erzählen – von Kindern auf der Straße. Daraufhin wurde ich also sozusagen ›aufgeklärt‹.«

Weitere Stationen:
1924 – 1928: Studium (Philosophie, protest. Theologie, griech. Philologie) in Marburg, Heidelberg und Freiburg. 1928: Promotion bei Karl Jaspers.
1929: Heirat mit Günter Anders (Scheidung: 1937)
1933: Emigration nach Frankreich
1940: Heirat mit Heinrich Blücher
1941: Flucht nach Portugal und weiter in die USA.
1949: Europa-Reise, Aufenthalte auch in der BRD
1951: Publikation der amerik. O-Ausgabe von »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.«
1958: Erscheinen ihres (schon 1938 fertiggestellten) Buches über Rahel Varnhagen: »R.V.: The Life of a Jewess. 1959: Dt. Ausgabe: »R.V.: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik«)
1961: Teilnahme am Eichmann-Prozeß in Jerusalem
1975: am 4. Dezember stirbt Hannah Arendt in New York an den Folgen eines Herzinfarkts.

Quelle

Hannah Arendt, Denken ohne Geländer.Texte und Briefe (Hrsg. Heidi Bohnet und Klaus Stadler). München und Zürich : Piper, 2005, S. 185 – 188.

Gespräch mit Günter Gaus in: Hannah Arendt, Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Hrsg. Ursula Ludz. München und Zürich: Piper, 2006.

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Denken ohne Geländer Texte und Briefe (Hrsg. Heidi Bohnet und Klaus Stadler) Piper, München und Zürich 2005