Treueproben

- um 1270 -

Aus dem Ritter-Epos : »Crane«

1.
Der Dichter gibt sich als Zugehöriger des braunschweigischen Welfenhofs unter Herzog Johann zu erkennen und entwickelt im Prolog seine Gedanken zum Begriff der Treue (»trûwe«), dem großen Thema dieses Epos. Schließlich stellt er noch den Titelhelden seiner Geschichte vor, den jungen Fürsten aus dem Ungarland: Es ist Gayol, genannt »Crane« (»Kranich«) –

Swâr trûwe sich behûset hât,
hât de tuht dan bî der tât :
diemût unde barmicheit
helpet den milden tragen ir cleit,
ich meine an menschen lîve
it sî an mannen oder an wîve :
dat ist ein minninclîche wât,
dar mite se êre besloten hât.
ir ist aver vil cleine,
de de tugenden reine
al gemeine an sich tragen.
ich môt al gelîche clagen,
dat tuht ist hin gedrungen
von den alden und von den jungen.
untuht ist der man nû gert :
untrûwe vaste mit ir vert
und predeget an dem rîche.
ich saget iu wêrliche;
se hânt sich harte vil vorkart,
de ir lêre hant gelart.
ir hât alle wol gehort
hônlich lachen und bôse wort :
dat ist nû ein meine site,
da erwervet se de helle mite.
    Nû wil ich iu tôn bekant,
wû ein getrûwe trûwe vant,
sô mir de wârheit hât geseit
ein vorste junc und gemeit,
von Brûnswîch herzoge Jôhan,
uf den ich wol gezehen kan,
want sîn munt vil nôte spreke,
dat her it mit willen breke :
des môte der lîp wol gevarn
und de sêle dort got bewarn.
her jach mir der wâren mêre,
wê geseten wêre
ên vorste an der Unger lant,
an dem was werdicheit bekant.
her lebte in sînem rîche
eim vorsten sô gelîche,
dat von sîner werdicheit
an vremeden landen wart geseit.
sîn hof stûnt immer open :
dar mohte wol zô hopen
de ût vremeden landen quam,
wen her gesach und vornam.

2.
Schon mit 12 Jahren hat Gayol, der Sohn des ungarischen Königs, zusammen mit zwei gleichaltrigen Freunden die Heimat verlassen und ist als Ritter in den Dienst des Kaisers getreten. Am Kaiserhof entwickelt sich eine tiefe Liebesbeziehung zwischen ihm und der Kaisertochter Acheloyde. (Acheloyde ist es auch, die ihm und seinen Gefährten die hübschen Vogelnamen verpaßt – Crane, Valke und Stare). Um hinter das Minne-Geheimnis seiner Tochter zu kommen, schickt der Kaiser die drei jungen Ritter in den Krieg und läßt Acheloyde nacheinander fingierte Botschaften vom Tod der Gefährten zukommen. Die Nachricht vom Tod Valkes und Stares nimmt sie mit Betrübnis zur Kenntnis, die Meldung, auch Crane sei gefallen, versetzt ihr einen Schlag : sie erkrankt schwer und wird erst wieder gesund, als Crane lebend an ihrem Lager erscheint. Aus Freude über die Genesung seiner Tochter läßt der Kaiser ein großes Turnier ausrufen. Der Preis für den Sieger : Acheloyde!
    In der Zwischenzeit begegnet Crane dem ungarischen Marschall Assundin, der nach dem Tod des Königs das Land regiert, da der rechtmäßige Thronerbe, eben Gayol-Crane, nicht auffindbar war. Um Assundins »trûwe« zu prüfen, gibt sich der junge Mann anfangs nicht zu erkennen, offenbart aber seine Identität, als er sich von der bedingungslosen Treue des Verwalters überzeugt hat. Um aber nun auch Acheloydes Treue auf die Probe zu stellen, läßt er Assundin beim kaiserlichen Turnier weiterhin als Ungarnkönig auftreten und gibt sich selber als dessen Marschall aus.
    Das Turnier verläuft glanzvoll: aus diversesten Weltgegenden sind die Fürsten gekommen, »die Franzoyser« und »ûz Engelant der konec mit den gesellen sîn«; der Herzog »van Brabant« ist dabei, genau wie der »van Osterrîche« und »der koninc von Ispanjen«, sogar der Fürst aus dem exotischen »Beierlant« hat es sich nicht nehmen lassen. Sieger des Turniers freilich wird der vermeintliche Ungarkönig Assundin, der aber schon verheiratet ist. Nun muß Acheloyde ihren Gatten selbst wählen, und nachdem sie sich – Übles ahnend – das kaiserliche Verprechen eingeholt hat, daß ihrer Wahl auch entsprochen werde, wählt sie ihren Crane. Trotzdem: Skandal – der ist ja kein Fürst! Der ist ja nur Marschall! Wie wird das enden? Hören wir, wie Bertolt von Holle die Geschichte erzählt :

    Nu sprach der keiser al zohant
»hêre hêr konec van Ungerlant,
wêrt ir dâ heime sunder wîf,
ir hettet mîner dohter lîf
irworben hie mit manheit.
nun râdet, werde konec gemeit,
war mîn dohter kêse hin.
der rede ich allet willich bin.«
dô sprach der koninc al zohant
»mich hât ein vrowe ûz gesant
ûf daz felt durch iren prîs.
ir solt die juncfrouwe wîs
irn vrîen kur lâzen hân.«
der keiser sprach »dat wert gedân.«
der werde keiser ir gebôt.
dô sprach ir sôze mundel rôt
zô irm vater al zohant
»ich wil hân ûwer trûwen pant,
daz mîn kor sol gehalden sîn.«
»daz rede ich bî der kronen mîn«
sprach der keiser rîche :
»des gan ich dir wêrlîche.«
gezuhtenclîch her bi ihr stûnt
ind dede ir mit warten kunt,
wer dâ fursten wêrn genant.
nu twanc se irs herzen trûwe pant,
ir lîbe inde ir stêter mût :
die verkôs die fursten ind al ir gût.
schaden ind schimpes se sich irwach :
sie ginc dâr sê Cranen sach
ind nam in bî der wizen hant.
»vater, ich dôn ûch bekant,
dusen ritter kêse ich zô der stunt.«
dô schalt sie maneges forsten munt
ind manich hêre hôchgeborn,
dô sie den marschalc hatte irkorn.
    Der keiser sûhtede inde sprach
»dit leitlîche ungemach
dat hân ich selven mir gedân.
swer wil die vrouwen kêsen lân,
sie kêset nâch irs herzen ger.
swer in dôt al irs willen wer,
sie brengent in in arbeit,
daz er hât ahterclagende leit.
dat ist nû an mir geschên.
dohter mîn, ich will ûch vergên,
daz ir noch irwenden ûwen mût :
dat ist ûch wêrlichen gût.
ir kêset sô die kindelîn,
die durch des wîzen eiges schîn
verkûset goldes dûsent punt.
ouch verkûset ûwer munt,
dat mîn krône ind mîn lant
ûch nummer deil wert bekant :
dan kêset ûwern gelîchen.
den wil ich alsô hôge rîchen,
so daz ûwerm adel zemet wol.«
»Vater, wat ich ûch sagen sol :
den ich nû irkoren han,
van deme inkan ich niht gelân :
ich môz mit im varn van hin.
ich wil schaden ind gewin
mit im versôchen ind mîn heil.
versaget ir mir mîn erbedeil,
sô lâtet mich gûtlîchen varn.
daz ûch got môze bewarn!
havet ûwer lant ind ûwer gôt
ind ich wil haven armôt.«
der keiser sprach »owê der nôt,
het ich gesên an ûch den dôt,
des wolde ich ummer sîn gemeit,
sint ir mit ûwer dôrheit
ûwer geslehte so sêre hônet.
got hât ûch sô geschônet,
daz ûwer êre hette ein lant,
of ûch wîsheit wêre bekant.
nu hât ir irkorn mit dôrheit :
des hân ich ahterclagende leit,
wan ich iz lâze durch den got,
die uber uns alle hât gebot
ind durch manegen fursten ind ritter fromen,
die hîr sîn ûz fromeden landen komen.
van mir soldet ir gestummelt sîn :
vart hin ûz den ougen mîn.
ir inrûmen drâde mir mîn lant,
mîn zorn dût ûch den dôt bekant.«
    Dô sprach der milde Assundin
»sie sal noch ungestummelt sîn
die koningin van Ungerlant.
her fint lihte ein wederpant
swer wil ir schaden rôchen :
der sticht sich an mîn vlôchen.
wert mir sorge alhie bekant,
daz sal mir wesen leit genant.
swen sie kore ûf dem plân,
dat solde ir wesen wol gedân
inde sôchen irn amîs.
wol her swer wil erwerben prîs,
der kome ind grîfe ir an ir cleit.
sîn zarn ûf sê, dat wert im leit.«
der keiser zuhtenclîchen sprach
»ûch indût hîr nêman ungemach,
wan mîn leit daz môz ich clagen.
sie mohte koneges krône dragen,
ader wêre ein herzoginne.
hete sie wîser vrouwen sinne,
ich wolde sê alsô gerîchet hân,
daz ich des êre môse intfân.«
    Assundin zuhtenclîchen sprach
»niht lenger ich verswîgen mach.
hêr keiser, hât ir daz vernomen :
ir dôrheit is zo wîsheit komen,
daz dôn ich ûch forsten allen bekant.«
dô namer die crône an die hant
mit zuhten van dem hôbte sîn :
der getrûwe Assundin
die krônde dô lieflîchen
den werden forsten ind richen.

3.
Und dann erzählt der getreue Assundin die Geschichte Ungarns der letzten Jahre, um am Ende auch noch die schöne Acheloyde zur ungarischen Königin zu krönen:

Sine kemerêre her halen bôt
de krônen rîch van golde rôt,
de der koninc trôch van Ungerlant :
de was van koste rîche erkant.
dar mite wart gecrônet dâr
de schône Acheloyde clâr :
daz dede Assundines hant.
her beval er lûde ind lant.

4.
Nun kann der Kaiser wieder »vrôlîche« sein, und es wird – angesichts der Standesgemäßheit seines Schwiegersohns – eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. Danach geht es für den jungen Mann freilich erstmal auf eine notwendige Aventuire, und es vergehen noch ein paartausend Verse, ehe Crane und Acheloyde gen Ungarn ziehen können, wo sie bis an ihr Lebensende ein vorbildliches Regentenpaar abgeben, wie ihr Chronist Bertolt von Holle zum guten Schluß ausdrücklich versichert –

van der rede môz ich lân,
want ich sagen ûch sunder wân :
hie besat sô êrliche
sîn erbe ind sîn rîche
Crane, als ich hôre sagen,
dat nein konec nâch sînen dagen
sô êrlîcher sede plach
went an sînes endes dach :
des wart ime die werlt holt.
van Holle heize ich Bertolt :
ich hân geret diz mêre
swer alsô gesinnet wêre,
daz her kunde mich berihten baz,
daz wolde ich lâzen sunder haz. [...]

Anmerkungen

Aus irgendwelchen – nur den Altgermanisten bekannten – Gründen gilt Bertolt von Holle unter den höfischen Epikern des Mittelalters als niederklassig, ja, als epigonal. Dabei ist er im Kreise der Wolframs von Eschenbach, der Hartmanns von Aue, der Wirnts von Grafenberg, und wie sie alle heißen, einer der wenigen, der in seinen Ritter-Epen (von denen drei auf die Nachwelt gekommen sind) etwas anderes bietet, als die Nacherzählung von Stoffen aus der Tafelrunde Königs Arthurs. Der nicht von den allbekannten Tristan, Lancelot oder Parzival erzählt, sondern von Gayol, Assundin oder Acheloyde – Namen, die außer ihm niemand nannte. Und sollte er sie nicht selber erdacht, sondern aus fremden Quellen geschöpft haben, so wären diese Quellen doch so apart gelegen, daß sie selbst der emsigen Altgermanistik bis heute unauffindbar geblieben sind.
    Über den Dichter selber ist freilich nur wenig bekannt. Er entstammte dem niedersächsischen, südlich von Hildesheim ansässigen Adelsgeschlecht Derer von Holle, benannt nach dem Dorf Holle am Fuße des Wohldenbergs, auf dessen Gipfel immer noch die Burg Wohldenberg steht. Da es im 13. Jahrhundert gleich zwei Träger des Namens »Bertolt von Holle« gab, ist nicht einmal sicher, welcher der beiden – Bertolt, der Onkel, oder Bertolt, der Neffe, unser Bertolt war – die Fachwelt tendiert zum Neffen. Sicher ist wohl, denn das deutet der Dichter im Prolog an, daß er in Verbindung zum (ausgeprägt musischen!) Welfenhof in Braunschweig stand, und zwar zur Zeit des Herzogs Johann, eines Urenkels von Heinrich dem Löwen. Der jüngere Bertolt von Holle dürfte um 1237 zur Welt gekommen sein. Über seinen Tod ist nichts überliefert.
    Auffallend an Bertolts höfischen Dichtungen ist dabei – neben ihrer inhaltlichen Originalität – die Sprache: Die Epen sind zwar prinzipiell in (mittel-) hochdeutscher Sprache verfaßt, doch es bleibt allemal hörbar, daß ihr Autor von Haus aus niederdeutsch sprach. Und daß er daraus keinen Hehl machte, ist nicht das geringste seiner Verdienste.

Quelle

Bertolt von Holle, Crane. In: Berthold von Holle (herausgegeben von Bartsch). Neudruck der Ausgabe von 1858. Osnabrück : Otto Zeller, 1967, S. 17 – 188.

Vergl. auch:
Lydia Richter, Berthold von Holle. »Wû ein getrûwe trûwe vant«. In: Von Dichterfürsten und anderen Poeten. Kleine niedersächsische Literaturgeschichte. Herausgegeben von Jürgen Peters und Wilhelm Heinrich Pott. Band I. Hannover: Revonnah, 1993, S. 19 – 25.