Till Eulenspiegel backt Eulen und Meerkatzen

Autor

Hermen Bote

Titelblatt der Straßburger Eulenspiegel-Ausgabe von 1515

Die 19. Histori

sagt, wie Ulenspiegel zu Brunßwick sich verdingt zu einem Brotbäcker für einen Bäckerknecht und wie er Eulen und Merkatzen buch

Da nun Ulenspiegel wider gen Brunßwick kam, zu der Bäckerstuben, da wont ein ein Bäcker nach darbei. Der rüfft ihm in sein Huß und fragt ihn, was er für ein Geselle wär. Er sprach: »Ich bin ein Bäckerknecht.« Der Brotbäcker, der sprach: »Ich hab eben keinen Knecht. Wilt du mir dienen?« Ulenspiegel sagt ja.  Als er nun zwen Tag bei ihm was gewesen, da hieß ihn der Bäcker bachen uff den Abent, denn er kunt ihm nit helffen bis an den Morgen. Ulenspiegel sprach: »Ja, waz sol ich aber bachen?« Der Bäcker waz ein schimpfig Mann und waz zornig und sprach in Spot: »Bist du ein Bäckerknecht und fragst erst, waz du bachen solt? Waz pfligt man zu bachen? Eulen und Merkatzen.« Und gieng damit schlaffen. Da gieng Ulenspiegel in die Bachstuben und macht die Deick zu eitel Eulen und Merkatzen, die Bachstub vol, und buch die. Der Meister stund des Morgens uff und wolt ihm helffen. Und da er in die Bachstuben kam, so fint er weder Weck noch Semlen, nur eitel Eulen und Merkatzen. Da ward der Meister zornig und sprach: »Wie der jar Rit, waz hast du gebachen?« Ulenspiegel sprach: »Das Ihr mich geheissen hon, Eulen und Merkatzen.« Der Bäck sprach: »Waz sol ich nun mit der Narei thun? Solich Brot ist mir niergen zunütz. Ich mag daz nit zu Gelt bringen!« Und ergreiff ihn bei dem Halß und sprach: »Bezal mir mein Deick!« Ulenspiegel sprach: »Ja, wann ich Euch den Deick bezal, sol dann die War mein sein, die davon gebacken ist?« Der Meister sprach: »Waz frag ich nach solicher War. Eulen und Merkatzen dienen mir nit uff meinen Laden.« Also bezalt er ihm sein Deick und nam die gebachnen Eulen und Merkatzen in ein Korb und trug sie uß dem Huß in die Herberg zu dem Wilden Man. Und Ulenspiegel gedacht in ihm selber: »Du hast offt gehört, man künd nüt so seltzems Dings geen Brunschwick bringen, man lößt Gelt daruß.« Und waz an der Zeit, das am andern Tag SantNiclaus-Abent was. Da gieng Ulenspiegel für die Kirchen ston mit seiner Kauffmanschafft und verkoufft die Eulen unnd Merkatzen alle unnd lößt vil mer Geltz daruß, dan er den Bäcker für den Deick het geben. Das ward dem Bäcker kuntgethon. Den verdroß es und lieff für Sant-Niclauß-Kirchen und wolt ihn anforderen umb das Holtz und für den Kosten, die Ding ze bachen. Da was Ulenspiegel erst hinweg mit dem Gelt und hat der Bäcker das Nachsehen.

Anmerkungen

Wie der erste Satz der »Histori« ausweist, hat Till Eulenspiegel die gute Stadt »Brunßwick«, das Oberzentrum seiner Geburtsregion, zu wiederholten Malen heimgesucht und mit seinen Narrenstreichen gequält. Dafür gehört die Geschichte mit den Eulen und Meerkatzen aber auch zu seinen klassischen Großtaten.

Der obige Text folgt der Straßburger Ausgabe von 1515.

Quelle

Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel (Hrsg. Wolfgang Lindow)
Stuttgart : Reclam, 1966, S. 57 - 59.