Seelandschaft mit Pocahontas

Autor

Arno Schmidt

Arno Schmidt

- 1953 -

iv

»Sie heißen Selma : ich hab sofort aufgepaßt!« gestand ich. Das Wasser, stark wie ein blauer Stoff, lag uns als Hüfttuch an. »Im Gästebuch, als wir uns eintrugen«; auch die Schultern waren ganz mager. Sie öffnete unbeholfen den großen Mund, lachte dann schrillend, wurde noch ziegelfarbener, und vertraute dem See an : »Wir auch. Aber Sie sind Joachim, ja?!« und atmete befriedigt. Schaumkraut der Wolken. Ich holte so tief Luft, daß sie fasziniert auf meine Brust sah, an der sie entlang gehen konnte, wie an einer gelben Mauer : »Wir fahren zusammen !« behauptete ich, und sie nickte zaghaft und eifrig (gab sich aber auch pro forma einen trotzigen Ruck). Enten starteten wie Klipperflugzeuge. Beide ohne Badekappe. Wir lachten töricht, und spielten vor Verlegenheit mit dem Wasser. Auch fiel mir ein : Schilfschlingen im Haar; die Gestalt traurig und steif; schwärzlich sichelförmige Flossen; in der Linken ein Seegewächs; lachsrote zarte Fiederkiemen als Blume hinter jedem Ohr : das sah sehr hübsch und ukulele aus. »Wir wollten uns erholen«, vertraute sie mir noch unschuldig an.


So mild war die Luft, daß man hätte Cremeschnitten damit füllen können; Blütenstaub der Ferne lag über den Dammer Bergen (»Hach ! Du hasta vorher de Karte angesehn !« Erich; und knurrte unzufrieden : scheußlich diese Gebildeten !); eine Kastanie wiegte bedächtig die gepuderte Perücke. - Die Häuser : »Könnten ooch wieder ma gestrichen wer'n« urteilte Erich unbestechlich; nur 2 fanden seinen Beifall : ein schneeweißes; und eins mit Wasserglas : »Iss zwar teuer; aber sehr solide.« Mit Binsen gedeckt : »Arme Feuerversicherung !«./ »Gelobt sei Jee' Kristus : wohin gehste denn ?« : »Nach Buttermilche in Ewichkeit Ahm'« (2 Kinder, scheinbar Flüchtlinge; ich kannte mal einen, der antwortete auf ›Grüß Gott‹ grundsätzlich ›Wenn D'n siehst‹; war'n feiner Mann). Tja, Münsterland ist stockkatholisch, historisch bedingt, (und Immermanns Oberhof für den Kenner sozialer Verhältnisse ein schlechter Witz. Anderes Thema.) / : Ein Kiebitz mit schwarzem Brustschild und Federkrönchen lief schreiend gradaus. Ein dürres altes Weib zwergte übern Weg, krumm wie n Fiedelbogen, weiße Fusseln an einem Ende, hantierte plärrend vorm Kruzifix : »Die darf nu genau so gut wählen, deren Stimme wiegt genau so viel, wie die von meinetwegen Ollenhauer : iss das richtig ?!« : »Adenauer würd Ja sagen.« (Aber mal ernsthaft : allgemeines und gleiches Wahlrecht ist Unsinn : zumindest müßte Jeder erst ne geschichtlich=geographische Prüfung ablegen; und mit 65 Jahren das Wahlrecht, aktiv wie passiv, überhaupt erlöschen!)./ Wind sprang schnarrend die prächtige Pappelchaussee herunter und stolzierte Grimassen aus Staub. Ein Maicomobil : »Sieht soweit ganz smart aus, was ?« Vor der Jugendherberge schritt es rüstig, unter Pfadfinderhüten : haháha : auch wir Christen sind fröhlich ! / Am See: erst ein Bäcker (auch mit Eis und Brausen); schon sah man weiße Wolkenkorallen; junge Burschen nahmen allerlei heldische Stellungen ein, vor halbwüchsigen Geliebten; Greise trugen an schnöden Speckwänsten; schnurrbärtige Matronen stampften auf Beinkegeln - aber doch sehr wenig, im ganzen vielleicht 10, und 6 davon noch unter den Sonnenschirmen des Strandcafé Schomaker jun. Ich : »Das geht noch zu ertragen«; Erich : »Keen Betrieb hier !« / »Kommkomm : rück die Peseten raus !« : 20 Mark Bootsmiete die Woche, und Erich sah ihn schärfer an : ?! - : »Na, wern schonn einich werden !« behauptete er kühn. Dann studierte er, ganz Nichtschwimmer, besorgt die Karte am Eingang : ›Ertrinkungsgefahr !‹, die Naturschutzgebiete, und zwingend rote Rechtecke : »Hier ! : Sieh dirs ruhich ooch an : da iss anläßlich des Deichbaues ausgebaggert und 5 Meter Tiefe : pass ja uff !« (Und besorgter : »Äußerst merkwürdich !«; ich mußte tatsächlich mit hintreten und mir ernsthaft die Stellen einprägen; grade, daß er nich abfragte !). / Das Paddelboot : weiß, mit flotter, kalkblauer Stromlinie und innen zinnoberrot; herausnehmbare Rückenlehnen; ein Holzpritschelchen als sportlich magerer Sitz (»Morgen nehm ich ma n Kissen mit !«). / »Aba intressant die Binseninseln, was ?!« Seerosen weiß und gelb. »Lauf brünieren lassen, daß a nich in der Sonne blitzt !« fügte er, alter Frontsoldat, hinzu, und zog die Badehose noch tiefer, wahrscheinlich um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen, daß er männlichen Geschlechtes sei. »Ruhch ama !« : ein Düsenjäger johlte weit vor seinem Schall her : ein erschrockener Entenruf, die Binsen wackelten, und weg war der dünne Hals mitsamt dem bunten Bubikopf : Haubentaucher ! : »Haste das gesehn ?!« / »Nanu ?!« : - ein Schrei übers Wasser : »Mensch, das sindse doch ! -«. Aber da schien - - na, ich rief erstmal beruhigend und bootsknechtig hinüber und spannte die Arme : !, !, !, ! / »Annemie iss schlecht geworden !« und die Augen liefen ihr ängstlich im hageren Gelehrtengesicht herum - : - sofort stand ich neben ihr im Wasser, und nahm ihr die fette schlotternde Kleine ab : »Sie halten's Boot fest. - : Erich ! :« und er faßte unaufgefordert tiefer unter die breiten Arme, während ich, Oberkommandierender, in jeder Hand eine strotzende Popohälfte, gratuliere Erich, keuchend hochstemmte : ! - : ! Selma schob bereits der Freundin feiste Füße übern Bootsrand, und hob dann bei mir mit an, (wobei unsre Schultern sich sachlich aneinander preßten : »Du fährst zurück, Erich, und bringst n neues Boot im Schlepptau mit ! Avanti !« / Wir drehten einträchtig der Sonne den Rücken (im Wasser stehend, und das Wasser schwankte) und der klopstockische Vorname stand ihr gar nicht. »Wie lange sind Sie schon hier ?« 8 Tage warens. »Und noch?« : »Bis Freitag früh.« : »Ach !! : Da haben wir so wenig Zeit !« (Reuevoll : »Ja !« und ansehen). »Ich glaubs nich«, sagte sie düster : »ich seh doch aus - - wie ne Eule ?!« und wartete verzweifelt auf Widerspruch, hoffnungslos, mit ungeschickt verzerrtem Mund und hagestölzernen Augen. Ich faßte ihre Hände unter Wasser und verbot ihrs mit dem Kopf : kein Wort mehr gegen - »Pocahontas« sagte ich leise (und sie horchte mißtrauischselig den fremden Silben nach; halblaut erklären.). / Wir schwammen meist Seite : Beinlatten scherten, Flossenfüße, die Arme griffen kompliziert durcheinander (aber einer immer als Sporn voraus) : »Wollen wir schon n Stück entgegen ?« / Ich im Boot, sie im Wasser (hat noch Angst ?) : »Wielangekannichtáuchänn ?!« (und ich mußte gleich auf die Uhr sehen : sie steckte den Kopf (mit dem schwarzen spitzen Binsendach) mutig ins Wasser, die Beine angelten meist halb in der Luft, immer noch - - schnaufte flußpferdig, piepste : »Ja ?!« - an sich 27 Sekunden, gibt der Kavalier fünfe zu : »32 !«, dazu anerkennend und betroffen nicken; (und sie freute sich, atmete noch herrlich tief, und hielt schon wieder Umschau nach neuem Fürwitz : tatsächlich : ich mußte sie hinterm Boot herziehen !). / »Nich mein' Rücken ansehen ! : Mir stehn doch überall die Knochen raus !« und flehend : »Ich will hinten hin !« (murmelte noch mehr; aber kommt nicht in Frage : uraltes Bootsgesetz !). / Die zarten mageren Beine; das Genick köstlich frisch geschoren; ein lieber Kerl (wenn ihr bloß manchmal das Gesicht im Nacken stände !). Mit dem Steuerbordauge Erichs Boot beobachten : Die verschwanden grade lachend nach links : »Komm' Sie : Einkremen !« : sie tunkte schüchtern einen langnageligen Finger in meine dunkelblaue Niveaschachtel, rieb sichs auf den linken Oberarm, und saß dann verlegen damit da : »Mehr doch !«. / Aber nein : »Jetz will ich paddeln !« : »Moment noch !«, und ich legte mich erst tiefer in Deckung - so ! - : nun konnte sie ihre abenteuerlichen Moulinets übers Boot schlagen, mit dem Bihänder (und wir kamen wirklich langam an der Schilfkulisse vorbei, eppoe si muove !). / Ein Haubentaucher mit 2 Jungen : sie erstarrte, Hände an der Paddelstange, winkte heftig mit den Schultern : ruhich ! : lautlos trieben wir näher - - ein Pfiff : sie tauchten Alle gleichzeitig. Hände und Gerät sanken ihr langsam aufs Boot; Flüsterschmachten : »Ach iss das süüüß !«. / Manchmal stießen unsere Paddel aneinander, und sie lachte verschämt zurück und wurde noch eifriger, bis ich sie endlich überreden konnte, und das Ding lang links neben uns aufbewahrte. / Lichterloh schrie der Raubvogel, und packte mit Krallen und Zähnen die Wasserscheibe. »Mit Zähnen - ?« wandte sie betroffen ein. Jener kreiste korsaren wieder hoch, und ich winkte im Beobachten der Unpoetischen ärgerlich ab; gab dann allerdings zu : »Na ja; wenig Vögel haben Zähne.« : »Wenig -?« wiederholte sie zähe und ungläubig (kannte mich also noch nicht lange, und ich mochte grade jetzt keine Vorträge halten, resümierte also : »Ja. Wenige.«).

Anmerkungen

Arno Schmidts - am Dümmer spielende - Erzählung »Seelandschaft mit Pocahontas« entstand im Sommer und Herbst des Jahres 1953. Der Erstdruck erschien 1955 in Alfred Andersch's Zeitschrift »Texte und Zeichen«, die Erstausgabe 1959 im Stahlberg Verlag, Karlsruhe. Für Schmidtianer ein pures Juwel, trug die Geschichte ihrem Autor (und dem Verleger des Erstdrucks) damals einen Prozeß wegen Gotteslästerung und Pornographie ein. Die Sache wurde schließlich eingestellt aber erst, nachdem Arno Schmidt von Rheinland-Pfalz ins liberalere Hessen umgesiedelt war: nach Darmstadt, das er später Richtung Bargfeld/Lüneburger Heide verließ.

Quelle

Arno Schmidt, Seelandschaft mit Pocahontas. (Kapitel iv) In: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe I: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia. Bargfeld : Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, 1987, Band I, S. 401 - 404.