Matthiastag muß Klarheit bringen

- 1923 -

Sollinger Volksbräuche

Wie kann nun ein junges Mädchen in der Matthiasnacht erfahren, was für einen Mann es einmal bekommt, ob »ihn« oder einen anderen, ob einen Reichen oder Armen, ob hübsch oder häßlich, jung oder alt, ob mit schwarzen oder roten Haaren. Wohl ist der Kuckuck schon wiederholt verhört worden, aber er hat immer nur angegeben, wie lange noch zu warten sei, auch das eine Jahr ganz anders gesagt als das andere. Da muß dann der Matthiastag [der 24. Februar] endlich Klarheit bringen.

Ziehe aus dem ersten Fuder Korn, das du einfahren siehst, heimlich eine Ähre, bewahre sie sorgfältig auf und stelle dich damit in der Mittagsstunde des Matthiastages in die Haustür. Sage kein Wort: so wird der Mann auf dich zukommen, mit dem du einmal durchs Leben gehst.

Viel geübt wurde das »Stippen«. Man verband einem Mädchen die Augen, legte ein Krümchen Salz, einen Kamm und einen Erbschlüssel auf den Tisch, und das herangeführte Mädchen hatte jetzt in Wahrheit seine Zukunft in der Hand: Stippte es den Erbschlüssel, so machte es in dem Jahre noch eine Erbschaft; stippte es den Kamm, bedeutete das Heirat; stippte es aber das Salz, so stand ihm bevor, daß es seine Hochzeit nicht im Myrtenkranz feiern konnte. Manchenorts wandte man vier Schicksalsmittel an: Trauring und Myrtenkranz, Salz und Asche. Die Asche bedeutete den - Tod.

Man warf auch zwei »Prowinkelnblätter« (Wintergrün) auf einen Eimer voll Wasser und beobachtete, ob sie zusammen schwammen. Geschah dieses, so mußte aus den bewußten beiden sicher ein Paar werden.

Neben diesen öffentlichen Bräuchen, die mit der Zeit mehr den Charakter von Gesellschaftsspielen annahmen, wurde eine Fülle heimlicher Bräuche in stiller Verschwiegenheit gehegt und geübt:

Wollte ein Mädchen, das noch keinen Schatz hatte, die Gegend wissen, in der es einmal als Frau wohnen würde, so stellte es sich in der Matthiasnacht mit einem Gesangbuche an einen Zaun, schüttelte ihn und rief:

    Bell', Hündchen, bell',
    Über ein grünes Feld,
    Über ein grünes Bäumelein:
    Wo der Schall herkommt,
    Soll mein eigen sein.

Ein gewaltiges »Braschen« (Brausen) sollte dann entstehen; das Mädchen war indes durch das Gesangbuch geschützt und konnte ganz ruhig dahin horchen, wo das Hündchen bellte.

Vier Zwiebeln, in jede Ecke der Kammer eine setzen und sich bei jeder einen Mann denken: dessen Zwiebel am ersten zu wachsen beginnt, das ist der Zukünftige.

Um zu erfahren, ob der Zukünftige ein Reicher oder ein Armer ist, geht Hannechen mit zwei Eimern nach dem Brunnen und läßt sie auf dem Wege dahin auf das Eis stoßen, vorausgesetzt natürlich, daß Eis vorhanden ist, denn es heißt: »Mattheiis breckt dat Eiis«, aber auch: »Find hei nitz, säau maket hei wat«. Die Stärke des Schalles gibt die Antwort: schallt es leise, so muß sie mit einem Tagelöhner vorlieb nehmen, während sie bei lautem Schall sicher einen vermögenden Bauern, vielleicht gar einen »Schaulmeester« bekommt. Wir können uns denken, daß Hannechen schon das ihrige tun wird, dem Schall die erforderliche Stärke zu geben.

Aber wie herausbringen, ob's ein Alter oder ein Junger ist? Da muß sie auf dem Rücken einer treuen Freundin nach dem nächsten Schafstalle reiten, an die Schafstalltür klopfen und auf das nun folgende Blöken horchen: blökt ein Lamm, so bedeutet das einen frischen jungen Knecht; läßt sich ein altes Schaf hören, kann sich die Ärmste nur auf einen alten Griesgram gefaßt machen.

Um die Gestalt ihres Zukünftigen zu sehen, nimmt Justine ein Glas, geht allein und stillschweigend zum fließenden Wasser, füllt das Glas bis an den Rand, eilt flugs nach Hause und schlägt Eiweiß in das Wasser: dann entsteht in dem Glase die Gestalt des Zukünftigen. Ist er in demselben Dorfe wohnhaft, kann sie ihn auch sehen, wie er leibt und lebt, wenn sie die Spinnstube verläßt, ohne gute Nacht zu sagen, sich still auf einen Kreuzweg setzt, einen Faden drummelt und die nächste Haustür damit verbindet: der dann am ersten hinein oder heraus will, der ist's. Sie kann sich's auch noch leichter machen und einfach an irgendeiner Haustür einen Stein befestigen: so wird sie mit dem in die Ehe gehen, der bald nachher aus dem Fenster guckt.

Übrigens mag der Schatz auch so weit weg sein, wie er nur will, die einmal aufs Heiraten Erpichte weiß in der Matthiasnacht noch so manchen anderen Brauch in Kraft zu setzen, daß er in ihr Kämmerlein kommen muß, wohnte er gar fern im Heidenlande.

Matthiasnacht, wenn's 11 schlägt, löst man das Haar, zieht sorgsam alle Haarnadeln heraus und steckt ein am Tage gepflücktes Kirschenspier in die lose herabfallenden Strähnen. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, ein Gesangbuch auf das Kissen zu legen, sonst ist's Teufelswerk. Wiederum hebt ein starkes »Braschen« an, und dann erscheint der Zukünftige im hellen Lichterglanze. Einen Augenblick nur, dann ist alles wieder weg und still. Oder man geht mit einem Kranz im Haare schlafen, darf indes nun ebensowenig wie vorhin unterlassen, das Gesangbuch aufs Kopfkissen zu legen, weil's sonst eben Teufelswerk ist: dann kommt der Bräutigam und holt den Kranz vom Kopfe der Braut.

Ein junger Schlachter, der von einem Mädchen durch das Zaubermittel ebenfalls gezwungen war, ihm den Kranz vom Haupte zu nehmen, ließ dabei ein Messer fallen. Das Mädchen hob es auf und verbarg es im Koffer. Lange nach der Hochzeit kommt er eines Tages über den Koffer und sieht das Messer. »Ha«, ruft er da in jähem Grimm, »bist du es gewesen, die mich in jener Nacht, als ich das Messer verlor, so furchtbar gequält hat?« Als die Frau sich nicht zu rechtfertigen weiß, stößt er ihr das Messer ins Herz.

Das soll, wie mir Sollingmädchen lebhaft beteuerten, wirklich und wahrhaftig vorgekommen sein. Ich zweifle daran auch nicht weniger als an der folgenden, von einer Lauenbergerin mir mitgeteilten Begebenheit:

Wenn ein Mädchen über die linke Schulter einer Freundin in den Backofen guckt, soll es darin seinen zukünftigen Ehemann oder, falls es vor der Hochzeit sterben muß, den eigenen Leichenzug sehen können. Neugierig nun, ob wirklich etwas daran sei, drang eine Bäuerin in ihre Dienstmagd, sie möge einmal über ihre Schulter in den Backofen sehen. Der Magd bangte erst vor der Möglichkeit, ihren eigenen Leichenzug sehen zu müssen, ließ sich aber schließlich überreden und guckte, als die Glocke elf schlug, über die linke Schulter der Frau in den Backofen. »Sühste wat?« fragte die. Das Mädchen antwortete nicht, sondern riß nur entsetzt die Frau vom Backofen weg. »Wene häste seihn? Spreck, Meken, wer satt derinne?« - »Juse Häre satt'r inne!« (Unser Herr saß drin!) erklärte die Magd schließlich ganz verstört. Da schlug die Frau die Hände zusammen und stöhnte: »Jesses, jesses, eck mäaut starben, eck mäaut starben!« Wirklich ist sie in dem Jahre noch gestorben, und tatsächlich hat der Bauer die Magd zur Frau genommen.

Der Backofen hat es in der Matthiasnacht überhaupt in sich. Eine tolle Geschichte passierte da in Dinkelhausen. In einem Spinnstubentropp wollten die Mädchen einmal um Mitternacht in den Backofen gucken. Sie mußten sich zu diesem Zwecke völlig entkleiden, taten das auch trotz Frost und Schnee, und eine jede nahm ihr Zeug unter den Arm. Die Knechte aber hatten heimlich einen Hund und eine Katze in den Backofen gesperrt. Als nun Glocke zwölf die Backofentür geöffnet wurde, kamen Hund und Katze wie zwei Teufel herausgefegt. Die Mädchen schrien furchtbar auf und rannten in ihrem ersten Schrecken nackend davon durch die Beke.

In Wiensen erzählte (Winter 1922!) ein Mädchen vertraulich der Lehrersfrau, sie hätte in der letzten Matthiasnacht auch nackend in den Backofen gesehen, aber niemand bemerkt. Es wäre alles »kohlrabenschwarz« gewesen.

Sinnvoller möchte uns dagegen der folgende Brauch erscheinen: Minna setzt sich mit einem frisch gebackenen Brote auf die Wagendeichsel und ruft leise in die Nacht hinaus:

    Wer meiin Schatz will seiin,
    Kome un snegge düt Bräät up!

Anderwärts muß sie sich im bloßen Hemde auf die Wagendeichsel setzen; wer sie dann herunterhebt, der wird ihr Mann. Oder sie schiebt den Wagen und läßt sich hören:
 
    Veer Ra'e, eck schuwe jöck,
    Wer meiin Schatz will seiin,
    Kome un helpe meck!

Es müßte sehr verwunderlich sein, wenn der Schatz nicht alsobald herzugelaufen käme. Im entgegengesetzten Falle würde sie sich drei Witwenhäuser ausersehen, von jedem einen Holzsplitter heimlich an sich nehmen und damit am andern Morgen einheizen. Dann käme der Zukünftige sicher in der Frühe des nächsten Tages und stellte sich vor den Ofen. Glaubt sie indes bis zum andern Morgen nicht warten zu können, so muß sie die Splitter unter den Tisch ins Kreuz legen und sich nackend daraufsetzen, so wird der Begehrte auf der Stelle erscheinen.

Wenn sie zwei Talglichter in eine Hand nimmt und sich rückwärts vor den Spiegel stellt, zeigt der Spiegel das Gesicht des Zukünftigen. Wenn eine nun auch noch das Herz hat, in den Ofen zu greifen, so wird sie vom Haupte des Zukünftigen eine Hand voll Haare in den Händen halten. Ein gleichfalls sehr wirksames Mittel, den Geliebten herbeizuziehen, soll sein, nackend die Stube auszuräumen, die vier Ecken auszukehren und dabei zu rufen:

    Veer Ecken, eck fege jöck:
    Wer meuin Schatz will seuin,
    Kome un helpe meck!

Noch sicherer dürfte die Heiratslustige jedoch ihren Zweck erreichen, wenn sie in der Nacht heimlich neun Türen im Hause öffnet: dann wird ihr der Ersehnte durch die neunte Tür in die Arme fliegen. Stellt sie aber eine Schale voll Wasser nebst Seife und Handtuch hin, so muß er kommen und sich waschen.

Noch eigenartiger, beziehungsvoller und zauberkräftiger ist das wiederum in der Verborgenheit des jungfräulichen Schlafkämmerleins angemachte »Eisleinsäen«. Schon im Sommer ist das Mädchen darauf bedacht gewesen und hat in der Flachsrupfzeit von den Flachsrotten das sogenannte Eislein (»Euisleuin« oder »Eiisleiin«) abgeschöpft, das aus den (trotz des Riffelns) an einzelnen Flachsspieren noch hängengebliebenen »Knutten« auf das »Raten«wasser gekommen ist. In der Matthiasnacht nun zieht das Mädchen vor seinem Bette einen Kreis, säet das Eislein hinein und läßt sich dazu vernehmen:

    Eiisleiin, eck säge deck
    in meiinen eiisleiinischen Garen:
    Wer meiin Schatz will seiin,
    Kome mit Beiilen und Baren
    und betuine meck meiinen eiisleiinischen Garen!

Sobald das letzte Wort heraus ist, muß die bräutliche Beschwörerin schleunigst ins Bett springen, sonst werden ihr die »Fassen« (Fersen) abgehackt. Ohne Verzug erscheint der Beschworene mit Hacke, Beil und Barte und macht einen Zaun um den als Garten gedachten Kreis.

Ja, die Mannigfaltigkeit der Matthiasgebräuche ist groß, und wenn sich die in Hoffnung Verliebte bei Zubettegehen einen Myrtenzweig ins Haar steckt, wird sie die ganze Nacht von dem träumen, den Gott ihr zugedacht hat. Die alte Nickelsche aus Dinkelhausen freilich sagte: »Eck häau nitz emaket un häau doch meuinen Mann in Dräame seiin, säau as hei hernah komen is.«

Anmerkungen

Heinrich Sohnrey hat sich als Lehrer, als Erzähler, als Volkskundler um die Solling-Region durchaus verdient gemacht, zumal mit seinen ethnologischen Studien »Die Sollinger« (1923) und »Tschiff tschaff toho!« (1929), auch wenn nicht zu verschweigen ist, daß er sich - seinem Selbstverständnis nach, eigentlich ein alter monarchisch orientierter »Welfe« - nach 1933 höchst bereitwillig und ausgiebig in den Dienst des NS-Regimes stellte.

Quelle

Im Reich des wilden Jägers. Heinrich Sohnrey erzählt aus dem Solling. Eine Auswahl aus »Die Sollinger« und »Tschiff tschaff toho!«. (Hrsg. H.-Chr. Winters), Göttingen : Verlag Göttinger Tageblatt, 1984, S. 97 - 102.