Lust- und freudlos im Nebelland Hadeln

- 1811 -

Von der Nordküste

Am entfernten Meeresstrande
Träum' ich von dem bessern Lande
    Meiner Kindheit manche Nacht.
Ach, es ist ein Traum! Doch einer
Von den alten, der, wie keiner,
    Immer täuschend glücklich macht.

Ach! da sah ich sie schon wieder,
Jene Büsche froher Lieder
    Auf der väterlichen Flur!
Und ich sah die Lämmer weiden
Auf den freien, braunen Heiden
    Meiner heimischen Natur.

Und ich sah die grünen Felder,
Im Gehäge dunkler Wälder,
    Wo die Quelle murmelnd rinnt;
Wo die Saaten reiner düften;
Und wo droben in den Lüften
    Alle Wesen muntrer sind.

Oft sieht mich die Morgenfrühe,
Wie ich so von Träumen glühe,
    Eingewiegt in alte Lust.
Meine Jugendfreuden schweben
Um mich her, und neues Leben
    Senkt sich in die kranke Brust.

Dann erwach' ich; und mit Trauer
Starr' ich auf die Kirchenmauer,
    Kaum von Morgenlicht besonnt.
Horch! schon weht es - und herüber
Ziehn die Wolken immer trüber
    Vom gestreiften Horizont.

Und es jagt und wölkt sich weiter,
Und es stürmt den Himmel heiter,
    Um ihn dunkler zu beziehn.
Nebel steigt und senkt sich wieder
Auf die nasse Fläche nieder.
    Lust und Freude muß entfliehn!

Ach! daß ich den Heimgang wüßte
Von der rauhen Meeresküste!
    Denn daheim genes' ich nur.
Ohne Freuden, ohne Schmerzen,
Schwer und kalt sind hier die Herzen,
    Wie die nordische Natur.

Anmerkungen

»An der Nordküste« ist das letzte Gedicht, das Samuel Christian Pape (1774 - 1817) zu Lebzeiten veröffentlichte: Der Text erschien 1811 im »Hamburger Morgenblatt« und brachte ihm beträchtlichen Ärger ein. Pape, »der Letzte des Hainbundes«, wie ihn sein Wiederentdecker Arno Schmidt betitelte, war damals Pastor in Nordleda im Land Hadeln, und selbst der dortige Ortschronist hielt für die Nachwelt fest, daß zumal die Schlußverse des »Nordküsten«-Gedichts »für den Hadeler sehr beleidigend« seien. Doch Pape fühlte sich in dem Nebelland einfach nicht wohl: Er war zwar in Lesum geboren, doch in Visselhövede, wohin sein Vater als Pastor versetzt worden war, aufgewachsen. Und von dieser Landschaft am Westrand der Lüneburger Heide kam er niemals los - ihr galt seine lebenslange (unerfüllte) Sehnsucht. Schlecht für Hadeln (aber ausdrucksvolle Verse!).

Quelle

Samuel Christian Pape, Werke (Hrsg. Klaus Seehafer), München : edition text + kritik, 1975, S. 29 f.