Im Zentrum, wo die Stadt aufhört

Autor

Hermann Löns

Hermann Löns

- 1907 -

Der Buttjer Aadje Ziesenis betreibt Heimatkunde

Beschreibung der Stadt Hannover

- ein Schulaufsatz -

Die Stadt Hannover ist zweihundertfünfzigtausend Einwohner groß und liegt in Preußen an der Leine. Früher lag sie im Königreich Hannover. Bis Bismarck kam.

Die Stadt Hannover ist sehr alt, aber nicht ganz und gar, sondern nur die Altstadt, wo die unmodischen Häuser sind, zum Beispiel Leibnizhaus, Garnisonskirche usw.

Die Stadt Hannover wird einseitig von einem Wald umgeben, der die Aalenriede heißt. Andrerseits wird sie von anderen Gegenden umgeben, zum Beispiel Masch, Ohe, schneller Graben, Linden usw., Limmer auch.

Die Stadt Hannover wird immer größer. Deswegen werden es auch immer mehr Menschen. Darunter sind allerlei, auch Soldaten. Die feinsten Soldaten sind die Königsulanen. Die kommen jetzt auf die Bult. Deswegen ist es da auch verboten.

Die Stadt Hannover hat viele Umgebungen. Eine davon ist die Masch. Das ist die größte Wiese auf der Welt. Im Winter nicht, da ist sie übergelassen und friert zu. Dann ist sie verboten. Wenn es taut, darf man auf ihr Schlittschuh laufen. Im Sommer nicht; da ist sie verboten. Wenn sie voll Wasser ist oder wie jetzt dreckig, ist sie nicht verboten. Wenn sie trocken ist, ist sie verboten. Von wegen weil sie dann da die Stadthammel fett machen.

Die Stadt Hannover hat viele Straßen. Das Feinste ist die Georgstraße. Die ist man halb, denn auf der anderen Seite sind Anlagen, zum Beispiel Kaffee Kröpcke und Hoftheater. Da wird mittags umsonst Musik gemacht für arme Leute.

Die Straßen der Stadt Hannover bestehen aus verschiedenerlei. Wo die reichen Leute wohnen, aus Asphalt. Das ist das Beste, was man hat, bloß daß er im Sommer stinkt und bei Regen glitschig ist. Und lebensgefährlich. Darum das Sandstreuen.

Die Stadt Hannover sorgt sehr für ihre Reinigung. Vor welchem Hause Schnee fällt, das kostet Strafe, wenn er nicht gleich weggemacht wird. Oder Asche gestreut. Nur die Häuser vom Magistrat, die brauchen das nicht.

Die Stadt Hannover hatte früher eine Pferdebahn. Bis das zu teuer wurde mit dem Futter. Da wurde sie elektrisiert. Die Wagen fahren nun von nichts. Das ist billiger.

Die Stadt Hannover hat folgende wichtige Gebäude: erstens die Markthalle, zweitens das Rathaus, drittens die Polizei. Die liegen alle im Zentrum. Das Zentrum liegt am Maschpark, wo die Stadt Hannover aufhört.

Die Stadt Hannover feiert mehrere Feste, zum Beispiel großes Schießen, Schulfest, Maifeier.

Die Stadt Hannover hat keinen Kaiser, wie Berlin, sondern einen Stadtdirektor, das ist der öberste, seit das mit dem Marktturmwächter aufgehört hat. Bis da war der es. Deshalb mußte er auch da wege.
Weiter weiß ich nichts.

Anmerkungen

Nach seinem Ausscheiden beim »Hannoverschen Anzeiger« schrieb Hermann Löns seine Wochenend-Glossen, nunmehr unter Decknamen »Ulenspeigel«, für das »Hannoversche Tageblatt«. Und wie »Ulenspeigel« seinen »lieben Lesern« und »noch viel lieberen Leserinnen« mitteilte, sei der Buttjer Aadje Ziesenis »ein entfernter Bruder« von ihm, »der bei zunehmender Bejahrtheit meinerseits einst in meine Tintenstapfen treten wird.« Daraus wurde dann zwar nichts, aber der »Hannover«-Aufsatz des Knaben darf dennoch eine gewisse - zumindest mentale Nachhaltigkeit für sich beanspruchen.

Quelle

Hermann Löns, Ulenspeigel. Humoristisch, satirische Dichtungen, Bad Pyrmont : Gersbach, o.J., S. 107 f.