Im Bann der berühmten Weser

Autor

Jeremias Gotthelf

Jeremias Gotthelf um 1844

- 1821 -

Reisebericht

Loccum, den 12. September
Ein obscures Nest, das man auf keiner Karte weder im Osten noch im Westen findet und das man ebensogut in Deutschland oder in Rußland vermuten kann. Da man vermutlich begierig ist, wie ich hieher verschlagen worden, so vernehme man die wunderliche Geschichte, die gerade so viel Merkwürdiges enthält, als die meisten Reisebeschreibungen.

Im Weserbergland
[...] Der Weg war äußerst angenehm. Fußsteige führten uns durch die schönsten Wiesen, die ich hier noch gesehen, durch liebliche romantische Täler, die hie und da den unsrigen ähnelten. Nach einem Marsch von drei Stunden kam wir an die Weser bei Bodenwerder, einem Städtchen, das vier Stunden von Hameln liegt, wo wir hin wollten. Da ich einmal gerne auf der berühmten Weser gefahren wäre, um desto besser seine Ufer zu sehen, so mieteten wir einen Kahn, hoffend auf demselben Hameln in zwei Stunden zu erreichen. Es war ein elendes Fahrzeug, der Boden allenthalben mit Wasser bedeckt, das beständig ausgeschöpft werden mußte, die Bretter beinahe durchgefault. Mamma hätte mich gewiß nicht so hineingelassen; aber junges Blut macht tolle Streiche, zudem verließ ich mich auf mein Schwimmen, das mich auf der Weser nicht im Stiche gelassen hätte.

Die Ufer waren sehr hübsch, zu weilen auch romantisch. Besonders gefiel mir ein kleines Gütchen in einer kleinen Wiese unter einem mit Wald bewachsenen Berge, das einem Münchhausen zugehört, wahrscheinlich einem Sohne des bekannten. Einige Dörfer machten sich von ferne sehr gut, kommt man aber nahe, so sehen sie so kahl und ärmlich aus, daß die unsrigen ganz etwas anderes vorstellen.

[...] Je weiter wir kamen, desto mehr blies uns der Wind entgegen, der sonst so langsame Fluß schien nicht von der Stelle zu wollen, hohe Wellen jagten unsern gebrechlichen Kahn beinahe wieder stromaufwärts, so daß es des alten Schiffers ganze Kraft gebrauchte, um nach fünf Stunden uns in Hameln ans Land zu bringen. Schon drei Uhr wars, als wir durch das artige Städtchen wanderten, einen Ort suchend, wo wir unsere starke Eßlust befriedigen konnten. Obschon ich seit sieben Uhr nichts genossen, so trieb mich doch meine Ökonomie an einem guten, mir bekannten Wirtshause vorbei und ich ließ meinen Cameraden bis ans Ende des Städtchens laufen. [...] Die Schenke, worin wir endlich kamen, war ein schlechter Kniff und das Essen war ihrer würdig. Der Pfannkuchen und der Gurkensalat, aus welchem es bestand, taugten beide nichts. Ich verwünschte meine Ökonomie und sprach eben nicht am freundlichsten mit der aufwärtigen Wirtstochter, die ihr Möglichstes tat, um von uns ins Gespräch gezogen zu werden. Unsere Rast dauerte nicht lange. Bald hatten wir das liebliche Nest im Rücken und zwischen niedlichen Gärten und anmutigen Wiesen schlängelte sich unser Fußsteig in die schönste Gegend des Wesertals hinein. Ein Kirchlein nach dem andern zeigte seinen Turm über den roten Dächern im grünen Laube. Auf einmal standen wir unvermerkt auf einem Hügel, wo vor und neben uns das herrliche Tal ausgebreitet lag. Berge mit starkem, schönem Holze bewachsen, beinahe Gurten und Bantiger ähnlich, mochten ungefähr einen Strich von sechs Stunden Länge und zwei Stunden Breite einfassen. Mitten durch schlich die Weser. Man kann wohl sagen schleichen; denn mehrere Male bin ich auf zwanzig Schritte nahe gekommen, ohne zu denken, daß dicht vor meinen Füßen ein Fluß sei. Kirchdorf reiht sich an Kirchdorf, wenigstens zwanzig boten unsern Blicken sich dar, von denen eines schöner als das andere schien. So etwas sah ich bei uns nirgends, was daher kommen mag, daß nicht jedes Dorf wie hier eine Kirche hat, und selbst die Täler von Hügeln unterbrochen sind, die die Aussicht hemmen. Zudem nehmen sich die deutschen Dörfer von ferne besser aus, als die unsrigen; ihre dicht gedrängten roten Ziegeldächer in den wie Wald aussehenden Obstgärten gewähren einen äußerst einladenden Anblick.

Kommt man aber hinein, ist die Schönheit auf einmal verschwunden. Kot bedeckt die Straßen knietief, aus Kot sind die Häuser erbaut, Kot liegt um sie herum. Mist und Lache bilden einen förmlichen Wall um dieselben; unbenützt fließt die Lache, wo's ihr am bequemsten ist, der Mist wird hingeworfen, wo es sich eben trifft. Elende Bäume bilden die Obstgärten, die mit Nesseln und Hühnerkraut bewachsen sind. Das Ganze hat das erbärmlichste, ärmlichste, schmutzigste Aussehen; ich möchte bei uns eben so gerne in einem Schweinestall wohnen, als in einem deutschen Dorfe.

Als es dunkelte, kamen wir nach Hessisch-Oldendorf, das wir zum Nachtquartier erwählt; ein halbes Städtchen, das ehemals verteidigt werden konnte und noch jetzt Reste von Wällen und Gräben hat. Kein schlechtes Wirtshaus trafen wir, nur war mir die Wirtin unerträglich. Es war eine große fette Frau mit der blendendsten weißen Haut. Durch diese schien das Fett alle Augenblicke dringen zu wollen und gab ihr ein so degoutantes Aussehen, daß ich sie während dem Theetrinken gar nicht ansehen konnte. Solche Weiber scheinen mich verfolgen zu wollen; denn gerade eine solche hatten wir schon in Bodenwerder getroffen. Wenn alle weißen Mädchen fette Weiber werden sollten, ich wette, die weißen Gesichter kämen bald aus der Mode und ein schwarzbraunen Mägdlein würde höher im Werte steigen.

Eine unglückliche Sitte in Deutschland, daß die Menschen so gerne warm schlafen und man fast in allen Wirtshäusern an kleinen Orten nur Betten antrifft, wie unsere Bauern sie haben, ohne Decke mit bloßem Deckbett. Man schwitzt sich beinahe die Seele aus, wenn man es nicht lange gewohnt ist und kann nicht schlafen. Mein Camerad fand es aber sehr behaglich, packte sich hinein, daß nichts mehr von ihm zu sehen war, und während ich mir nicht zu helfen wußte, schnarchte er tüchtig in allen Tönen. Auch war er gar nicht zufrieden, als ich ihn vor fünf aus den Federn jagen wollte, er behauptete, es sei erst drei Uhr und bequemte sich erst nach langen Debatten sein warmes Huli zu verlassen.

Ohne Frühstück gingen wir fort; denn wer frühe reisen will, traue dem Versprechen der Wirtsleute nie, so früh als man wolle, das Frühstück fertig zu halten, sie halten niemals Wort und immer ist man eine Stunde aufgehalten. Man bezahle abends seine Zeche, dann kann man morgens so früh fort, als man will, ohne jemand mehr nötig zu haben.

Die Gegend war wunderlieblich; links im großen Tal prangten die stolzen Türme von Lachem, Rinteln etc., hinter ihnen erhoben sich die Hügel in sanftem Abhang zur beträchtlichen Höhe, fast bis oben bebaut. Auf der rechten Seite, wo unser Weg hinlief, hoben sich die Felsen kühner und wilder, berühmt unter ihnen wegen seltener Schönheit ist die Luhdener Klippe, unglücklicherweise von uns nicht gesehen, denn die Menschen sind hie zu Lande Eseln, wissen gar nicht, was eine halbe Stunde von ihrem Ort liegt. [...]

Nach Bückeburg, einer ehemaligen gräflichen Residenz, ging unser Marsch. Eine Menge Menschen zeigten uns den Weg dahin, die an den Markt strömten. Ich verglich unsere Bauern mit den deutschen und sah, wie Freiheit auf Haltung und Aussehen nicht nur eines ganzen Landes, sondern jedes einzelnen wirkt. Matt und lahm schleppten sie sich dem Städtchen zu, die jungen Mädchen glichen Stadtschlampen, die Bursche Keßlervolk. Man sah keinen stolzen Bauern mit stolzem Viergespann, keine wackern tüchtigen Bäurinnen mit gefülltem Marktsäckli, alle sahen mehr oder minder Hudelpack ähnlich. Und doch war es eine der reichsten Gegenden, aus welcher diese Menschen kamen, die unter einer Herrschaft standen, die nicht zu den drückendsten und aussaugendsten gehört; es waren meist Hessen und Hannoveraner. Hier vernahm ich, daß die berühmte Porta Westphalica nur eine kleine Stunde abwegs liege, und beschloß, diese berühmte Naturschönheit Deutschlands in Augenschein zu nehmen. [...]

Wir machten uns zusammen auf, das große Wunder zu besehen, fanden uns aber nicht wenig getäuscht. Wir hatten gehofft, die Weser in kühnem Drang zwischen zwei Felsen durchstürzen zu sehn, nun fanden wir sie so sanft wie irgend durch ein schönes Feld fließen, gegen das zwei mit Wald bewachsene Hügel eben nicht sehr steil sich senkten und zwischen sich mehr als dreifach für den Fluß Raum ließen. Man sah wohl, daß ehemals hiedurch die Weser sich Bahn gebrochen, und nur der Gedanke, wie es dabei zugegangen sein mag, macht die Stelle noch merkwürdig, sonst ist sie es gar nicht, besonders wer irgend einen reißenden Bergfluß gesehen, findet das Aufheben, das man davon macht, drollig. Die Täuschung empörte uns auch so, daß wir nicht nach Hausberge gingen und den Jakobsberg nicht bestiegen, von dem man eine angenehme Fernsicht genießen soll. Wir mieteten einen Kahn und fuhren nach dem eine Stunde entfernten Minden.

Anmerkungen

Im Frühjahr 1821 erhielt der damals 24jährige, im Schweizer Kanton Bern tätige reformierte Pfarr-Vikar Albert Bitzius Urlaub, um an der Universität Göttingen ein (wie man heute sagen würde:) postgraduales Studium aufzunehmen. Im Herbst des Jahres unternahm er dann während der Semesterferien von Göttingen aus eine teils zu Fuß, teils in diversen Fuhrwerken oder Kähnen zurückgelegte Reise durch Norddeutschland, über die er einen ausführlichen Bericht für seine Verwandten in der Heimat verfaßte. Publiziert hat er diesen Text zu seinen Lebzeiten allerdings nicht, wie er denn überhaupt noch eine Zeit brauchte, ehe er - nunmehr Gemeindepfarrer zu Lützelflüh im Emmental - auch als Schriftsteller, zumal als wortmächtiger Erzähler, hervortrat und unter dem Pseudonym »Jeremias Gotthelf« (dem Namen seines ersten Romanhelden) berühmt wurde.

Quelle

Jeremias Gotthelf, Reisebericht. 1821 (Hrsg. Kurt Guggisberg), Erlenbach-Zürich : Eugen Rentsch, 1953, S. 7, S. 18 - 30