Ich weiß, daß Berge auf mich warten

- 1912 bis 1917 -
Gedichte

STADT

Zehntausend starre Blöcke sind im Tal errichtet,
Aus : Stein auf Stein um Holz- und Eisenroste hochgeschichtet;
Und Block an Block zu einem Berg gedrückt,
Von Dampfrohr, Turm und Bahn noch überbrückt,
Von Draht, der Netz an Netze spinnt.
Der Berg, von vielen Furchen tief durchwühlt :
Das ist das große Labyrinth,
Dadurch das Schicksal Mensch um Menschen spült.

Fünfhunderttausend rollt im Kreis das große Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben :
In Kaufhaus, Werkstatt, Saal und Bahnhofshalle,
In Schule, Park, am Promenadenwalle,
Im Fahrstuhlschacht, im Bau am Kran,
Treppauf und ab, durch Straßen über Plätze,
Auf Wagen, Rad und Straßenbahn :
Da schäumt des Menschenstrudels wirre Hetze.

Fünfhunderttausend Menschen rollt das große Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben.
Und karrt der Tod auch Hundert täglich fort,
Es braust der Lärm wie sonst an jedem Ort.
Schleppt er vom Hammer-Block den Schmied,
Schleppt er vom Kurven-Gleis den Wagenleiter :
Noch stärker brüllt das Straßenlied :
Der Wagen fährt – der Hammer dröhnt weiter.
[17, August 1912]

LOKOMOTIVE

Das liegt das zwanzigmeterlange Tier,
Die Dampfmaschine,
Auf blankgeschliffener Schiene
Voll heißer Wut und sprungbereiter Gier –
Da lauert, liegt das langgestreckte Eisen-Biest –
Sieh da : wie Öl- und Wasserschweiß
Wie Lebensblut, gefährlich heiß
Ihm aus den Radgestängen : den offnen Weichen fließt.
Es liegt auf sechzehn roten Räder-Pranken,
Wie fiebernd, langgeduckt zum Sprunge
Und Fieberdampf stößt röchelnd aus den Flanken.
Es kocht und kocht die Röhrenlunge –
Den ganzen Rumpf die Feuerkraft durchzittert,
Er ächzt und siedet, zischt und hackt
Im hastigen Dampf- und Eisentakt, –
Dein Menschenwort wie nichts im Qualm zerflittert.
Das Schnauben wächst und wächst –
Du stummer Mensch erschreckst –
Du siehst die Wut aus allen Ritzen gären –
Der Kesselröhren-Atemdampf
Ist hochgewühlt auf sechzehn Atmosphären :
Gewalt hat jetzt der heiße Krampf :
Das Biest es brüllt, das Biest es brüllt,
Der Führer ist in Dampf gehüllt –
Der Regulatorhebel steigt nach links :
Der Eisen-Stier harrt dieses Winks! :
Nun bafft vom Rauchrohr Kraftgeschnauf :
Nun springt es auf! nun springt es auf!

Doch :
Ruhig gleiten und kreisen auf endloser Schiene
Die treibenden Räder hinaus auf dem blänkerndem Band.
Gemessen und massig die kraftangefüllte Maschine,
Der schleppende, stampfende Rumpf hinterher –

Dahinter – ein dunkler – verschwimmender Punkt –
    Darüber – zerflatternder – Qualm –
[22. November 1912]

DIE STADT LEBT

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.

Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur,
Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel,
Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur
Den trauergroßen, herben Schlafgesang.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen :
Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.
[publ. Frühjahr 1914]

ICH WILL HERAUS AUS DIESER STADT

Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
Draußen – weit –
Und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
Voll Gotteinsamkeit –

Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
So lange schon –
Daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
Den Ewig-Ton –

Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
Daß Ebenen, Gebirge wellen
In meine Träume –

Die Winterberge, meine Berge tönen –
Wälder sind verschneit –
Ich will hinaus, mit Euch mich zu versöhnen,
Ich will heraus aus dieser Zeit,

Hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus –
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
Locken mich hinaus!

Bald hab ich diese Straßenwochen,
Bald diesen Stadtbann aufgebrochen
Und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
Ziehe selig in die Welt!
[publ. Frühjahr 1914]

WELTWEGE

Menschen, Großstadt-Haster,
Wagen wimmeln.
Straßenbahnen bimmeln.
Mittendrin :
Bams!
Prallt der Rammbock auf das Pflaster.
Von vier Männern hochgehoben,
Zwei, drei Stein weit vorgeschoben,
Wieder : Bams!
Prallt der Rammbock auf das Pflaster.

Immerfort im schweren Takt,
Fest den Griff gepackt,
Stampfen diese Weltarbeiter
Eine Straße nach der andern
Immer weiter. –

Autos rasen, Menschen wandern
Drüber hin zu Neuland-Festen :
Auf nach Norden, Osten, Süden, Westen
Immer weiter in die Welt.

Bams! Dahinten fällt
Wieder schwer die Ramme
Auf dem Straßendamme,
Steine einzuschlagen,
Die den Nachtrab tragen. –

Ferne wühlt der Vortrupp.
[16. Dezember 1913]

HEIMKEHR

Den fremden Ackerländern abgewandt,
Dem Dorf ein mürrisch »Gute Nacht« hinsagend :
Lenkst du zurück zur Stadt.
Es hinkt und stolpert dein beschwerter Schritt.
Horch hoch :
Die Telegraphendrähte brummen, summen mit!
Ein Licht blüht auf im Straßenkot,
Ein zweites, ein drittes im Dämmerrot;
Und plötzlich :
Lichterkreisend, lichterdunstig loht
Gehäufter Himmel über Mauern schwer!
Die Luft durchschüttert Atemstoß-Geschnauf;
Dich fassend schwillt herauf :
Der große Qualm- und Räderton!

Nun hat die Stadt dich angerührt,
Du hast der pauselosen Pulse Hieb gespürt,
Und alle Wucht, die dort bezwungen noch gewittert,
Macht, daß dein Blut in neuem Rhythmus zittert!
Es klopft an deines Leibes Wandung
Die monotone Brandung :
Dampf
der von Flüssen zehrt,
Dampf
der die Kraft vermehrt,
Kraft
die um Achsen saust,
Kraft
die den Rhythmus braust,
Von befahrnen Doppelschienen hallt,
Und mit muskelwilder Taktgewalt
Glut in deine Glut verschweißt,
Dich ins übervolle Leben reißt. -

Du kamst aus Einsamkeit -
Hier ist Gemeinsamkeit!
Hier rast die Stundenzeit
Durch aller Menschen Werk-Verbundenheit.
Tritt ein!
[27./28. Oktober 1917]

AN DEN TOD

Mich aber schone, Tod,
Mir dampft noch Jugend blutstromrot, –
Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,
Noch ist die Zukunft dunstverhüllt –
Drum schone mich, Tod.

Wenn später einst, Tod,
Mein Leben verlebt ist, verloht
Ins Werk – wenn das müde Herz sich neigt,
Wenn die Welt mir schweigt, –
Dann trage mich fort, Tod.
[publ. Frühjahr 1914]

Quelle

Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover : Postskriptum, 1979.

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome Postskriptum, Hannover 1979