Hörst Du Heidelindes Weinen?

Aus dem poetischen Nachlaß des
»Welfischen Schwans«

DAS HEIDEGRAB

Dort, wo der Wacholder blaut
Und das Heidekraut sich rötet,
Hat man einst ein Grab gebaut
Für den Herrscher, der getötet.

Heidelob’, so hieß der Reck’,
Welcher hier sein End’ gefunden.
Selbst mit gelbem Teufelsdreck
Konnt’ die Fee ihn nicht gesunden.

Böser Feinde Hackebeil
Schlug ihm das Genick zu Schanden.
Ach, es fehlt’ so manches Teil,
Als ihn seine Freunde fanden!

Heidelob, Du tapf’rer Held,
Hörst Du Heidelindes Weinen?
Irrend über Wies’ und Feld,
Suchte sie nach den Gebeinen.

Als sie Deinen Schenkel fand,
Hat sie sich ins Moor geworfen.
Dieses wissen wir, weil Brand
Ihre Leiche fand beim Torfen.

FRIEDRICHSRUH

Willst Du einem rechten Welfen
Schnell aus dieser Welt verhelfen,
Brauchst Du nur mit lauten Tönen
Jenes Friedrichsruh erwähnen.

Hier auf seinen Ruhesitzen
Tat der Preußen Kanzler schwitzen,
Welcher – wie sein Fall berichtet –
Hat Hannovers Thron vernichtet.

Bismarck heißt der Sohn der Hölle,
Welcher warf des Schicksals Bälle,
Der uns harte Leiden fügte,
Schluckte uns. Und das genügte!

Preußen müssen wir uns nennen!
Möge dieser Gau verbrennen
- Der uns schikaniert seit Jahren -,
Bis in Preußen Preußen waren!

Friedrichsruh, Du reizt die Galle.
Wenn sie läuft, schnappt zu die Falle.
Hach, dann sollt ihr Preußengecken
An der Welfen Speck verrecken!

Anmerkungen

Ob Julie Schrader Obiges wirklich selber gedichtet hat, oder ob der »Welfische Schwan«, wie manche Literatur-Kenner argwöhnen, »eine Ente war« und Julchens  Œuvre in Wahrheit, bis auf wenige Gelegenheitsgedichte, aus der Feder ihres Herrn Großneffen, Berndt W. Wessling, stammt – sicher scheint zu sein, daß sie am 9. Dezember 1881 in Hannover als Tochter eines Bahnbeamten geboren wurde, und daß sie sich am 17. November 1939 im Mühlensee von Oelerse bei Peine ertränkt hat.

Sicher ist mit Sicherheit, daß sie mit ihren nachgelassenen Gedichten posthum fast so berühmt wurde wie Friederike Kempner (für deren unfreiwillige Komik allerdings hauptsächlich Hermann Mostar gesorgt hatte, wie die Lesewelt erfuhr, als Peter Hacks die originalen Kempner-Verse ans Licht brachte...), und daß Bismarck zwar in seinem Leben viele Ämter innehatte, aber niemals das von »Preußens Kanzler«. Ein solches Amt gab es nämlich nicht. Aber die Welfenwut auf Bismarck ist fraglos echt empfunden...

Quelle

 Pusteblümchens Moritaten, Hg. Berndt W. Wessling, München 1973

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Pusteblümchen Moritaten, Hg. Berndt W. Wessling Gedichte Piper, München 1973