Hannover ist nicht Paris oder London

Autor

Gottfried Wilhelm Leibniz

Zeitgenössisches Portrait des Gelehrten

- 1696 -

Aus einem Brief an Thomas Burnet(t)

Was mich vor allem stört, ist, daß ich nicht in einer großen Stadt bin wie Paris oder London, die eine Überfülle von Gelehrten aufweist, von denen man vielleicht profitieren und von denen man sich vielleicht sogar helfen lassen kann. Denn die meisten Dinge können nicht von Einem allein bewältigt werden. Hier jedoch findet man kaum jemanden, zu dem man reden könnte. Es ist schlechterdings unmöglich, in diesem Land als Mann des Hofes zu leben und über wissenschaftliche Themen zu sprechen, und ohne die Madame Kurfürstin würde davon noch weniger die Rede sein.

Anmerkungen

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646 in Leipzig geboren, hatte mehrere Jahre in Paris und London gewirkt, als er 1676, 30jährig, nach Hannover kam, wo er – voller Ehrgeiz, aber ohne echten Einfluß – als Justizrat und Historiker des Welfenhauses tätig war, und das vierzig Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 1716. Und gleichsam als persönliche Halbzeit-Bilanz seiner Hannover-Zeit ließ er im März 1696 in dem Brief an den Theologen Thomas Burnet(t) aus Yorkshire jenen Stoßseufzer los, der seither so unvergänglich zu Hannover gehört wie die (von ihm konstruierte) Fontäne im Großen Garten zu Herrenhausen.

Quelle

Gottfried Wilhelm Leibniz, Brief an Thomas Burnet(t) of Kemney vom 7./17. 03. 1696. In: Sämtliche Schriften und Briefe (herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der DDR). Erste Reihe, zwölfter Band. Berlin : Akademie Verlag, 1990. (Übersetzung aus dem Französischen von Heiko Postma)

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Sämtliche Schriften und Briefe Hg. Akademie der Wissenschaften der DDR. Erste Reihe, zwölfter Band. Akademie Verlag, Berlin 1990