Fronturlaub in der Heimat

- 1929 -

Aus: »Im Westen nichts Neues«

Ich liege auf manchem Bahnhof; ich stehe vor manchem Suppenkessel; ich hocke auf mancher Holzplanke; – dann aber wird die Landschaft draußen beklemmend, unheimlich und bekannt. An den abendlichen Fenstern gleitet sie vorüber, mit Dörfern, in denen Strohdächer wie Mützen tief über gekalkte Fachwerkhäuser gezogen sind, mit Kornfeldern, die wie Perlmutter im schrägen Licht schimmern, mit Obstgärten und Scheunen und alten Linden.
Die Namen der Stationen werden zu Begriffen, bei denen mein Herz zittert. Der Zug stampft und stampft, ich stehe am Fenster und halte mich an den Rahmenhölzern fest. Diese Namen umgrenzen meine Jugend.
Flache Wiesen, Felder, Höfe; – ein Gespann zieht einsam vor dem Himmel über den Weg, der parallel zum Horizont läuft. Eine Schranke, vor der Bauern warten, Mädchen, die winken, Kinder, die am Bahndamm spielen, Wege, die ins Land führen, glatte Wege, ohne Artillerie.
Es ist Abend, und wenn der Zug nichts stampfte, müßte ich schreien. Die Ebene entfaltet sich groß, in schwachem Blau beginnt in der Ferne die Silhouette der Bergränder aufzusteigen. Ich erkenne die charakteristische Linie des Dolbenberges, diesen gezackten Kamm, der jäh abbricht, wo der Scheitel des Waldes aufhört. Dahinter muß die Stadt kommen.
Aber nun fließt das goldrote Licht verschwimmend über die Welt, der Zug rattert durch eine Kurve und noch eine; – und unwirklich, verweht, dunkel stehen die Pappeln darin, weit weg, hintereinander in langer Reihe, gebildet aus Schatten, Licht und Sehnsucht.
Das Feld dreht sich mit ihnen langsam vorbei; der Zug umgeht sie, die Zwischenräume verringern sich, sie werden ein Block, und einen Augenblick sehe ich nur eine einzige; dann schieben sich die anderen wieder hinter der vordersten heraus, und sie sind noch lange allein am Himmel, bis sie von den ersten Häusern verdeckt werden.
Ein Bahnübergang. Ich stehe am Fenster, ich kann mich nicht trennen. Die andern bereiten ihre Sachen zum Aussteigen vor. Ich spreche den Namen der Straße, die wir überqueren, vor mich hin – Bremerstraße – Bremerstraße -
Radfahrer, Wagen, Menschen sind da unten, es ist eine graue Straße und eine graue Unterführung; – sie ergreift mich, als wäre sie meine Mutter.
Dann hält der Zug, und der Bahnhof ist da mit Lärm, Rufen und Schildern. Ich packe meinen Tornister auf und mache die Haken fest, ich nehme mein Gewehr in die Hand und stolpere die Tritte hinunter.
Auf dem Perron sehe ich mich um; ich kenne niemand von den Leuten, die da hasten. Eine Rote-Kreuz-Schwester bietet mir etwas zu trinken an. Ich wende mich ab, sie lächelt mich zu albern an, so durchdrungen von ihrer Wichtigkeit : Seht nur, ich gebe einem Soldaten Kaffee. – Sie sagt zu mir »Kamerad«, das hat mir gerade gefehlt.
Draußen vor dem Bahnhof aber rauscht der Fluß neben der Straße, er zischt weiß aus den Schleusen der Mühlenbrücke hervor. Der viereckige alte Wartturm steht daran, und vor ihm die große bunte Linde, und dahinter der Abend.
Hier haben wir gesessen, oft – wie lange ist das her -; über diese Brücke sind wir gegangen und haben den kühlen, fauligen Geruch des gestauten Wassers eingeatmet; wir haben uns über die ruhige Flut diesseits der Schleuse gebeugt, in der grüne Schlinggewächse und Algen an den Brückenpfeilern hingen; – und wir haben uns jenseits der Schleuse an heißen Tagen über den spritzenden Schaum gefreut und von unseren Lehrern geschwätzt.
Ich gehe über die Brücke, ich schaue rechts und links; das Wasser ist immer noch voll Algen, und es schießt immer noch in hellem Bogen herab; – im Turmgebäude stehen die Plätterinnen wie damals mit bloßen Armen vor der weißen Wäsche, und die Hitze der Bügeleisen strömt aus den offenen Fenstern. Hunde trotten durch die schmale Straße, vor den Haustüren stehen Menschen und sehen mir nach, wie ich schmutzig und bepackt vorübergehe.
In dieser Konditorei haben wir Eis gegessen und uns im Zigarettenrauchen geübt. In dieser Straße, die an mir vorübergleitet, kenne ich jedes Haus, das Kolonialwarengeschäft, die Drogerie, die Bäckerei. Und dann stehe ich vor der braunen Tür mit der abgegriffenen Klinke, und die Hand wird mir schwer. Ich öffne sie; die Kühle kommt mir wunderlich entgegen, sie macht meine Augen unsicher.
Unter meinen Stiefeln knarrt die Treppe. Oben klappt eine Tür, jemand blickt über das Geländer. Es ist die Küchentür, die geöffnet wurde, sie backen dort gerade Kartoffelpuffer, das Haus riecht danach, heute ist ja Sonnabend, und es wird meine Schwester sein, die sich herunterbeugt. Ich schäme mich einen Augenblick und senke den Kopf, dann nehme ich den Helm ab und sehe hinauf. Ja, es ist meine älteste Schwester.
»Paul«, ruft sie, »Paul -!«
Ich nicke, mein Tornister stößt gegen das Geländer, mein Gewehr ist so schwer.
Sie reißt eine Tür auf und ruft : »Mutter, Mutter, Paul ist da.«
Ich kann nicht mehr weitergehen. Mutter, Mutter, Paul ist da.
Ich lehne mich an die Wand und umklammere meinen Helm und mein Gewehr. Ich umklammere sie, so fest es geht, aber ich kann keinen Schritt mehr machen, die Treppe verschwimmt vor meinen Augen, ich stoße mir den Kolben auf die Füße und presse zornig die Zähne zusammen, aber ich kann nicht gegen dieses eine Wort an, das meine Schwester gerufen hat, nichts kann dagegen an, ich quäle mich gewaltsam, zu lachen und zu sprechen, aber ich bringe kein Wort hervor, und so stehe ich auf der Treppe, unglücklich, hilflos, in einem furchtbaren Krampf, und will nicht, und die Tränen laufen mir immer nur so über das Gesicht.
Meine Schwester kommt zurück und fragt : »Was hast du denn?«
Da raffe ich mich zusammen und stolpere zum Vorplatz hinauf. Mein Gewehr lehne ich in eine Ecke, den Tornister stelle ich gegen die Wand, und den Helm packe ich darauf. Auch das Koppel mit den Sachen daran muß fort. Dann sage ich wütend : »So gib doch endlich ein Taschentuch her!«
Sie gibt mir eins aus dem Schrank, und ich wische mir das Gesicht ab. Über mir an der Wand hängt der Glaskasten mit den bunten Schmetterlingen, die ich früher gesammelt habe.
Nun höre ich die Stimme meiner Mutter. Sie kommt aus dem Schlafzimmer.
»Ist sie nicht auf?« frage ich meine Schwester.
»Sie ist krank – «, antwortet sie.
Ich gehe hinein zu ihr, gebe ihr die Hand und sage, so ruhig ich kann : »Da bin ich, Mutter.«
Sie liegt still im Halbdunkel. Dann fragt sie angstvoll, und ich fühle, wie ihr Blick mich abtastet : »Bist du verwundet?«
»Nein, ich habe Urlaub.«
Meine Mutter ist sehr blaß. Ich scheue mich, Licht zu machen. »Da liege ich nun und weine«, sagt sie, »anstatt mich zu freuen.«
»Bist du krank, Mutter?« frage ich.
»Ich werde heute etwas aufstehen«, sagt sie und wendet sich zu meiner Schwester, die immer auf einen Sprung in die Küche muß, damit ihr das Essen nicht anbrennt : »Mach auch das Glas mit den eingemachten Preiselbeeren auf, – das ißt du doch gern?« fragt sie mich.
»Ja, Mutter, das habe ich lange nicht gehabt.«
»Als ob wir es geahnt hätten, daß du kommst«, lacht meine Schwester, »gerade dein Lieblingsessen, Kartoffelpuffer, und jetzt sogar mit Preiselbeeren.«
»Es ist ja auch Sonnabend«, antworte ich.
»Setz dich zu mir«, sagt meine Mutter.
Sie sieht mich an. Ihre Hände sind weiß und kränklich und schmal gegen meine. Wir sprechen nur einige Worte, und ich bin ihr dankbar dafür, daß sie nichts fragt. Was soll ich auch sagen : Alles, was möglich war, ist ja geschehen. Ich bin heil herausgelangt und sitze neben ihr. Und in der Küche steht meine Schwester und macht das Abendbrot und singt dazu.
»Mein lieber Junge«, sagt meine Mutter.
Wir sind nie sehr zärtlich in der Familie gewesen, das ist nicht üblich bei armen Leuten, die viel arbeiten müssen und Sorgen haben. Sie können das auch nicht so verstehen, sie beteuern nicht gern etwas öfter, was sie ohnehin wissen. Wenn meine Mutter zu mir »lieber Junge« sagt, so ist das so viel, als wenn eine andere wer weiß was anstellt. Ich weiß bestimmt, daß das Glas mit Preiselbeeren das einzige ist seit Monaten und daß sie es aufbewahrt hat für mich, ebenso wie die schon alt schmeckenden Keks, die sie mir jetzt gibt. Sie hat sicher bei einer günstigen Gelegenheit einige erhalten und sie gleich zurückgelegt für mich.
Ich sitze an ihrem Bett, und durch das Fenster funkeln in Braun und Gold die Kastanien des gegenüberliegenden Wirtsgartens. Ich atme langsam ein und aus und sage mir : »Du bist zu Hause, du bist zu Hause.« Aber eine Befangenheit will nicht von mir weichen, ich kann mich noch nicht in alles hineinfinden. Da ist meine Mutter, da ist meine Schwester, da mein Schmetterlingskasten und da das Mahagoniklavier – aber ich bin noch nicht ganz da. Es ist ein Schleier und ein Schritt dazwischen.
Deshalb gehe ich jetzt, hole meinen Tornister ans Bett und packe aus, was ich mitgebracht habe : einen ganzen Edamer Käse, den Kat mir besorgt hat, zwei Kommißbrote, dreiviertel Pfund Butter, zwei Büchsen Leberwurst, ein Pfund Schmalz und ein Säckchen Reis.
»Das könnt ihr sicher gebrauchen – «
Sie nicken. »Hier ist es wohl schlecht damit?« erkundige ich mich.
»Ja, es gibt nicht viel. Habt ihr denn draußen genug?«
Ich lächele und zeige auf die mitgebrachten Sachen. »So viel ja nun nicht immer, aber es geht doch einigermaßen.«
Erna bringt die Lebensmittel fort. Meine Mutter nimmt plötzlich heftig meine Hand und fragt stockend : »War es sehr schlimm draußen, Paul?«
Mutter, was soll ich dir darauf antworten! Du wirst es nicht verstehen und nie begreifen. Du sollst es auch nie begreifen. War es schlimm, fragst du. – Du, Mutter. – Ich schüttele den Kopf und sage : »Nein, Mutter, nicht so sehr. Wir sind ja mit vielen zusammen, da ist es nicht so schlimm.«
»Ja, aber kürzlich war Heinrich Bredemeyer hier, der erzählte, es wäre jetzt furchtbar draußen, mit dem Gas und all dem andern.«
Es ist meine Mutter, die das sagt. Sie sagt : mit dem Gas und all dem andern. Sie weiß nicht, was sie spricht, sie hat nur Angst um mich. Soll ich ihr erzählen, daß wir einmal drei gegnerische Gräben fanden, die erstarrt waren in ihrer Haltung, wie vom Schlag getroffen? Auf den Brustwehren, in den Unterständen, wo sie gerade waren, standen und lagen die Leute mit blauen Gesichtern, tot.
»Ach, Mutter, was so geredet wird«, antworte ich, »der Bredemeyer erzählt nur so etwas dahin. Du siehst ja, ich bin heil und dick – «
An der zitternden Sorge meiner Mutter finde ich meine Ruhe wieder. Jetzt kann ich schon umhergehen und sprechen und Rede stehen, ohne Furcht, mich plötzlich an die Wand lehnen zu müssen, weil die Welt weich wird wie Gummi und die Adern mürbe wie Zunder.
Meine Mutter will aufstehen, ich gehe so lange in die Küche zu meiner Schwester. »Was hat sie?« frage ich.
Sie zuckt die Achseln : »Sie liegt schon ein paar Monate, wir sollten es dir aber nicht schreiben. Es sind mehrere Ärzte bei ihr gewesen. Einer sagte, es wäre wohl wieder Krebs.«

Anmerkungen

Der obige Textauszug stammt aus dem 1929 erschienenen Roman »Im Westen nichts Neues«, dem Buch, das seinen – 1898 in Osnabrück geborenen – Autor Erich Maria Remarque (standesamtlicher Name: Paul Remark) mit einem Schlage (welt-)berühmt machte – und seitens der deutschen Rechten zur Haßfigur.
Ich-Erzähler ist der junge Paul Bäumer, der im 1. Weltkrieg, zusammen mit seinen Klassenkameraden, von der Schulbank weg an die Front geschickt wird. Paul Bäumer, der hier einen Urlaub in seiner Heimatstadt beschreibt (in der man, auch wenn der Name nicht fällt, Osnabrück erkennen kann), wird – als letzter seiner Kameraden – im Oktober 1918 fallen, an einem Tag, an dem »der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.«

Quelle

Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues. Berlin : Propyläen, 1929, S. 156 – 164.

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Im Westen nichts Neues Propyläen, Berlin 1929