Finanzen sind keine da

- 1924 -

Fünf Jahre Verleger in Hannover

Es sind nun schon fünf Jahre her...
Man stelle sich das vor : eines milden Frühjahrsvormittags, als ein zudringlicher Kunde Ansichtskarten, Briefmarken und einige Bände Rudolf Stratz verlangte, beschließt ein sehr junger Buchhandlungsgehilfe, dieser Fron zu entfliehen, sich selbst als Buchmacher zu etablieren.
In Hannover.
Mit dem Rest seines kleinen Gehalts, glatten, reinlich rasierten Gesichts, mit Cutaway, Monokel und gelben Stiefeln taxte er zur Buchdruckerei von Edler & Krische, verkündete dort : er sei der Verleger Paul Steegemann.
Und wünsche dieserhalb einen größeren Kredit.
Man gab ihm, wenn auch zögernd, das Gewünschte.
Woraufhin er an seine Freunde schrieb, er sei der kommende Mann.
Und Bücher von 16 Seiten druckte.
Und mit dem Gewinn Bücher von 32 Seiten druckte.
Und mit dem Gewinn Bücher von 64 Seiten druckte. Und so fort.
Unter den Büchern mit 32 Seiten befand sich auch die Anna Blume.
Im Handumdrehen waren 10 000 Stück verkauft, Autor und Verleger berühmt.
Es gab Skandale. Wegen des Buches. Wegen der Plakat-Reklame.
Der Verleger indessen wuchs zum Kaufmann.
Ganz ökonomisch.
Zunächst verzichtete er auf ein großes Büro.
Er besaß ein einzelnes Zimmer, unter dem Bett den Verlag.
Allein am Telefon war er zuvorkommend höflich. Jeden Anruf beantwortete er mit der eindringlichen Frage, welche Abteilung des Verlags gewünscht werde : und so verband er sich jeweils als mit der Buchhalterei, der Expedition, dem Privatkontor, dem Lektorat.
Abends packte er seine Bücher selbst ein, schleppte sie auf einem kleinen Handwagen zur Post. So vergrößerte er sich.
Neunzehnhunderteinundzwanzig fuhr er zum erstenmal nach Leipzig zur Messe, seine sämtlichen Verlagsartikel zwecks Ausstellung bescheiden in einem Pappkarton verstaut.
Auf der Straßenbahn bat er um ein Billett : »Gradaus.«
»Da missen Se aussteigen. Mir fahren um de Egge.«
Am Nachmittag lernte er Hans Reimann auf der Bugra kennen.
Nichts verübelt man einem Verleger in Deutschland so sehr als das Nichtvorhandensein einer Richtung, eines völkischen Willens, einer kulturellen Mission.
Man verlangt, innerhalb der Herde, klare, eindeutige Entscheidungen. Kampf fürs Volkstum. Und ähnlichen Quatsch.
Dem Deutschen fehlen die Nerven für einen nuancierten Individualismus, der, wenn schon in gewissen Bezirken Niveau, jedoch immer Chaos sieht.
In welcher Situation befand sich der Ende 1919 auftauchende Verlag gegenüber seinen . . . Konkurrenten?
In der Situation des Nachteils.
Zu einem Verlage gehören Autoren. Die Berühmten sind ihren Verlegern durch Vertrag fest verpflichtet. Die Neuen unverkäuflich. Weshalb Paul Steegemann zunächst die Werke der neuen Autoren verlegte. Und damit sein Betriebskapital.
Aber nicht lange. Bald keimte im Augapfel des Verlegers die Erkenntnis : wenn keine verkäuflichen Autoren vorhanden sind, soll man verkäufliche Bücher schaffen.
Er vertiefte sich in die Tagesfragen, ließ seine Nervenbündel an einer imaginären Antenne frei schweben und bestellte als Resultat dieser Akrobatik beim Reimann die Bücher gegen Dinter, Ewers, Courths-Mahler; bei Dr. Kurt Hiller das Buch gegen § 175; bei Huelsenbeck En avant dada; bei Wilhelm Michel gegen Rudolf Steiner; bei Ossip Kalenter den Intimen Balzac; bei der Frau Stinnes das Buch gegen den Krieg; bei Artur Landsberger den Raffke-Roman.
Und so fort. Und so fort.
Man sehe sich den neuen Katalog an.
Ein guter Bekannter des Verlegers ist der Staatsanwalt Wagenschiefer.
Weil der immer Bücher beschlagnahmt.
Und bei der Gerichtsverhandlung auf (sozusagen) Todesstrafe plädiert.
Schade.
Denn nun sind Paul Verlaines herrliche Gedichtbände Femmes und Hombres, Aubrey Beardleys süßer Roman Venus und Tannhäuser eingestampft.
Kriegen wir die Republik, die wir verdient haben – die Republik Hölderlins, Goethes, Heines, dann werden auch diese Bände neu aufgelegt.
Aber es hat, wie Ludendorff so kernig bemerkt : noch Zeit.
Der Verleger aber, dem ein irregeleiteter Dachziegel, ein platzender Conti-Cord, ein verführter Blitz oder die leuchtende Sternschnuppe sekündlich beweist, welch ein relatives Häuflein seine wertvollen Zeitgenießer und er selber sind, erlernte Schriftstellerei und schuf zu Spaß und Zeitvertreib Anfang 1924 den Autor Gustav Bock.
Unter welchem preziösen Namen er in die Weltkultur eingehen will.
Ihm sei ein volles Glas geweiht. Heil!
Und wie steht es mit den Finanzen?
Finanzen sind keine da.
Sondern?
Sondern nur Schulden.
Mal beim Drucker. Mal beim Papierfritzen. Mal beim Kommissionär.
Jeden Mittag erhebt sich Steegemann vom seidenen Pfühl und steht egal vor dem wirtschaftlichen Kosmos.
Weshalb er auf diesem nicht ganz ungewöhnlichen Wege nach einem ganz stillen Teilhaber sucht.
Ein volles Glas sei ihm geweiht!
Skål!

Quelle

Paul Steegemann, Fünf Jahre Verleger in Hannover. In: Expressionismus. Aufzeichnungen und Erinnerungen der Zeitgenossen. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Paul Raabe. Olten und Freiburg i. Br. : Walter, 1965, S. 267 – 269 [Erstdruck in: Das Stachelschwein. Herausgeber Hans Reimann. Jahrgang I (1924), Heft 6, S. 3 – 5].

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Expressionismus. Aufzeichnungen und Erinnerungen der Zeitgenossen Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Paul Raabe Walter, Olten und Freiburg i. Br. 1965