Es braust und pfeift und prasselt und heult - Nordsee-Szenen auf Norderney

Autor

Heinrich Heine

Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831

- 1826 -

Sturm

    Es wütet der Sturm,
Und er peitscht die Wellen,
Und die Well'n, wutschäumend und bäumend,
Türmen sich auf, und es wogen lebendig
Die weißen Wasserberge,
Und das Schifflein erklimmt sie,
Hastig mühsam,
Und plötzlich stürzt es hinab
In schwarze, weitgähnende Flutabgründe -

    O Meer!
Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!
Großmutter der Liebe! schone meiner!
Schon flattert, leichenwitternd,
Die weiße, gespenstische Möwe,
Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,
Und lechzt voll Fraßbegier nach dem Herzen,
Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt,
Und das dein Enkel, der kleine Schalk,
Zum Spielzeug erwählt.

    Vergebens mein Bitten und Flehn!
Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,
Im Schlachtlärm der Winde.
Es braust und pfeift und prasselt und heult,
Wie ein Tollhaus von Tönen!
Und zwischendurch hör' ich vernehmbar
Lockende Harfenlaute,
Sehnsuchtswilden Gesang,
Seelenschmelzend und seelenzerreißend,
Und ich erkenne die Stimme.

    Fern an schottischer Felsenküste,
Wo das graue Schlößlein hinausragt
Über die brandende See,
Dort, am hochgewölbten Fenster,
Steht eine schöne, kranke Frau,
Zartdurchsichtig und marmorblaß,
Und sie spielt die Harfe und singt,
Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken
Und trägt ihr dunkles Lied
Über das weite, stürmende Meer.

Meeresstille

    Meeresstille! Ihre Strahlen
Wirft die Sonne auf das Wasser,
Und im wogenden Geschmeide
Zieht das Schiff die grünen Furchen.

    Bei dem Steuer liegt der Bootsmann
Auf dem Bauch, und schnarchet leise.
Bei dem Mastbaum, segelflickend,
Kauert der beteerte Schiffsjung'.

    Hinterm Schmutze seiner Wangen
Sprüht es rot, wehmütig zuckt es
Um das breite Maul, und schmerzlich
Schaun die großen, schönen Augen,

    Denn der Kapitän steht vor ihm,
Tobt und flucht und schilt ihn: »Spitzbub'!
Spitzbub'! einen Hering hast du
Aus der Tonne mir gestohlen!«

    Meeresstille! Aus den Wellen
Taucht hervor ein kluges Fischlein,
Wärmt das K+pfchen in der Sonne,
Plätschert lustig mit dem Schwänzchen.

    Doch die Möwe, aus den Lüften,
Schießt herunter auf das Fischlein,
Und den raschen Raub im Schnabel
Schwingt sie sich hinauf ins Blaue.

Die Nordsee

(Geschrieben auf der Insel Norderney.)

- - - Die Eingeborenen sind meistens blutarm und leben vom Fischfang, der erst im nächsten Monat, im Oktober, bei stürmischem Wetter, seinen Anfang nimmt. Viele dieser Insulaner dienen auch als Matrosen auf fremden Kauffahrteischiffen und bleiben jahrelang vom Hause entfernt, ohne ihren Angehörigen irgend eine Nachricht von sich zukommen zu lassen. Nicht selten finden sie den Tod auf dem Wasser. Ich habe einige arme Weiber auf der Insel gefunden, deren ganze männliche Familie solchermaßen umgekommen, was sich leicht ereignet, da der Vater mit seinen Söhnen gewöhnlich auf demselben Schiffe zur See fährt.
    Das Seefahren hat für diese Menschen einen großen Reiz; und dennoch, glaube ich, daheim ist ihnen allen am wohlsten zu Mute. Sind sie auch auf ihren Schiffen sogar nach jenen südlichen Ländern gekommen, wo die Sonne blühender und der Mond romantischer leuchtet, so können doch alle Blumen dort nicht den Leck ihres Herzens stopfen, und mitten in der duftigen Heimat des Frühlings sehnen sie sich wieder zurück nach ihrer Sandinsel, nach ihren kleinen Hütten, nach dem flackernden Herde, wo die Ihrigen, wohlverwahrt in wollenen Jacken, herumkauern und einen Thee trinken, der sich vom gekochten Seewasser nur durch den Namen unterscheidet, und eine Sprache schwatzen, wovon kaum begreiflich scheint, wie es ihnen selber möglich ist, sie zu verstehen.
    Was diese Menschen so fest und genügsam zusammenhält, ist nicht so sehr das innig mystische Gefühl der Liebe als vielmehr die Gewohnheit, das naturgemäße Ineinander=Hinüberleben, die gemeinschaftliche Unmittelbarkeit. Gleiche Geisteshöhe oder, besser gesagt, Geistesniedrigkeit, daher gleiche Bedürfnisse und gleiches Streben; gleiche Erfahrungen und Gesinnungen, daher leichtes Verständnis untereinander; und sie sitzen verträglich am Feuer in den kleinen Hütten, rücken zusammen, wenn es kalt wird, an den Augen sehen sie sich ab, was sie denken, die Worte lesen sie sich von den Lippen, ehe sie gesprochen worden, alle gemeinsamen Lebensbeziehungen sind ihnen im Gedächtnisse, und durch einen einzigen Laut, eine einzige Miene, eine einzige stumme Bewegung erregen sie untereinander so viel Lachen oder Weinen oder Andacht, wie wir bei unseresgleichen erst durch lange Expositionen, Expektorationen und Deklamationen hervorbringen können. Denn wir leben im Grunde geistig einsam; durch eine besondere Erziehungsmethode oder zufällig gewählte besondere Lektüre hat jeder von uns eine verschiedene Charakterrichtung empfangen; jeder von uns, geistig verlarvt, denkt, fühlt, und strebt anders als die andern, und des Mißverständnisses wird so viel, und selbst in weiten Häusern wird das Zusammenleben so schwer, und wir sind überall beengt, überall fremd und überall in der Fremde. [...]

Anmerkungen

Heinrich Heine hatte in den Jahren 1825 und 1826 die Sommer auf Norderney verbracht und ging nach Beendigung der zweiten Badereise an deren literarische Auswertung für seine »Reisebilder« - dies freilich nach dem aparten Motto: »was ich aus den Dingen nicht heraussehe, das sehe ich hinein.« (Woraus sich dann wohl auch gewisse Eigentümlichkeiten seines Eingeborenen-Bildes erklären...).
 Die beiden lyrischen »Nordsee«-Zyklen löste Heine später aus den »Reisebildern« heraus (in denen nur der »auf der Insel Norderney« geschriebene Prosatext verblieb) und fügte sie in sein »Buch der Lieder« ein, um sie »dem Publiko in einem besseren Aufzuge zu präsentieren.« Ohnehin hielt es Heine, wie er seinem Freund Karl Simrock schrieb, für »dubiös«, ob die Leute an diesen »Nordseebildern« Geschmack finden würden: »Unsere gewöhnlichen Süßwasserleser kann schon allein das ungewohnt-schauklende Metrum einigermaßen seekrank machen. Es geht doch nichts über den alten ehrlichen Plattweg, das alte Gleise der poetischen Landstraße.«

Quelle

Heinrich Heine, Sämtliche Werke (Hrsg. Ernst Elster), Leipzig und Wien : Bibliographisches Institut, 1890, Bd. 1 (»Buch  der Lieder«), S. 173f und S.174; Bd. 3 (»Reisebilder«: »Die Nordsee«), S. 91f