Elm-Athens letzte Blüte

- 1851 -

Aus »Der Adept zu Helmstedt«

Beireis schwieg eine Weile. Es herrschte eine feierliche Dämmerung über dem Feld, wo die beiden Freunde wandelten. Plötzlich sprach er kleinlaut und in der Absicht einer Verteidigung: »Mundus vult decipi - ergo...« Hier stockte er wieder und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Ich habe Euch ausreden lassen, Marianus, Ihr stellt die Begriffsfähigkeit und das Wissen der Leute viel zu hoch. Ihr seht die Welt aus Eurer Kosterzelle an, wo Ihr, gleich mir, an der Natur und ihren Kräften arbeitet, aber das Volk ist so weit zurück, daß ich die Bewunderung fordern kann; huldigt mir nicht seit vielen Jahren das Staunen der Menge und der Zudrang der vornehmen Welt?«
»Alles hat seine Zeit, macht Euch nur mit dem Wissenszustande anderer Physiker, Chemiker und Aerzte bekannt. Die Zeit hat Euch überholt. Wiegleb hat Eure Magie den Leuten preisgegeben, seht Euch vor, daß Ihr in der Medizin Euren Ruf bewahrt.«
Der Widerspruch des Hofrates wurde immer milder. Er hörte nur noch zerstreut zu, da der an die Ereignisse der letzten Zeit dachte. Als Marianus ihn in der Nähe des Stadttores verlassen und seinen Rückweg nach St. Ludgeri angetreten hatte, schritt Beireis still und nachdenklich in die Stadt. Die Straßen waren menschenleer und düster, nur vom Markte her erscholl lauter Gesang und die Luft schien erleuchtet. Beireis mußte über den Markt und schlich, als er in der Mitte desselben die Studenten bei Laternen erblickte, ganz gegen seine Gewohnheit, dicht an den Häusern vorüber.

Da der Abend nicht herbstkalt war, so hatten die Studenten, um den Geburtstag ihres Seniors, Kaspar Witte, genannt Simson, zu feiern und weil der Raum des Ducksteinkellers zu eng war, die Tische, Bänke und Schemel mitten auf den Markt gebracht, wo ein großes Faß lag, aus welchem der Duckstein gezapft wurde. Man hatte Laternen bei zunehmender Dämmerung angezündet und trank lustig, wobei der Zuruf: »Aufs Wohl, Herr Bruder!« wechselnd mit Gesang ertönte und Degen oder dreieckige Hüte geschwenkt wurden. »Simson! Du sollst leben!« erscholl es ausgelassen, als Beireis eben die Ecke des Marktplatzes erreichte, und sogleich riefen mehrere Stimmen: »Das Lied! Das Simsonlied! Bruder von Bernstorff, fange du es an, du hast es ja aus Mecklenburg mit nach Elm=Athen gebracht!« und es erscholl weit durch die dunkle Nacht das Lied:

Simson, der dreihundert Füchsen ihre Schwänze abgebrannt,
Und mit einem Eselsknochen tausend Feinde überwand,
Ward durch ein Philistermädchen, durch die Delila, gestürzt,
Als sie ihm in ihrem Schoße Haar und Locken abgekürzt.
Ist's dem Helden so ergangen, o, was wird nicht hier geschehn?
Da ja oft um einen Burschen zehn Philistertöchter stehn?

Kaum war das Lied bis so weit gesungen, als ein Student auf den Tisch sprang, den kleinen Dreimaster abnahm, den Degen zog und seine Perücke auf dessen Spitze hing, indem er deklamierte:

Weil einst von Simsons Haupte ein Weib die Haare raubte,
Ging seine Kraft zu Ende. Damit nun Weiberhände
Uns jetzt nicht mehr berücken, so tragen wir Perücken.

Dieser Ausdruck jugendlichen Mutwillens machte auf Beireis einen zerschneidenden Eindruck; seine Stimmung war zu reizbar, seine Gedanken beschäftigten sich mit dem grell in der Seele widerhallenden Worte des Marianus: »Die Zeit hat Euch überholt!« Er schlich hastiger an der Häuserreihe vorüber.
Da rief ein Student: »Wir wollen das neue Lied von Gellert singen. Stimmt an, Brüder!« und alsbald erscholl in fröhlicher Sangesweise:

Man sieht und staunt, kein Kluger kann es wehren.
Ein Ding mag noch so närrisch sein,
Es sei nur neu, dann nimmt's die Leute ein,
D'rauf kommt die Zeit und denkt an ihre Pflicht,
Denn sie versteht, die Narren zu bekehren,
Sie mögen wollen oder nicht.

Beireis horchte, blieb unwillkürlich stehen und eilte um so rascher weiter, als er die Worte verstand: »Es kommt die Zeit und denkt an ihre Pflicht!« Es klang seinem gereizten Ohr wie ein Hohnlachen der Jugend, er glaubte sich mit seinen heimlichsten und quälendsten Gedanken verraten zu haben. Mürrischer als jemals erreichte er sein Haus und er konnte die Worte nicht aus seiner Seele bannen, welche Marianus tief in sie eingegraben hatte.

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Seit jener ernsten Unterhaltung auf dem dämmerigen Herbstfelde war in Beireis eine merkliche Veränderung vorgegangen. Er erschien ruhiger, in sich gekehrter, die Ruhmredereien hörte man seltener von ihm und dann nur in Augenblicken angeregter Leidenschaft. Oft mußten ihm seine Zuhörer die Worte ablauschen und sein Vortrag hatte eine große Sanftheit und Ruhe gewonnen. Es schien, als ob er auf diesem Wege die Zuneigung der Studierenden wiedergewinnen wollte, die er durch ruhmredige Selbstgenügsamkeit und verhöhnenden Stolz zu erzwingen gesucht, aber verscherzt hatte. Auch diejenigen Studenten, welche früher mit Spott und Bitterkeit über ihn geurteilt hatten, gewannen ihn jetzt allmählich lieb und achteten ihn, wäre es auch nur der väterlichen Güte wegen gewesen, welche er selbst dem jüngsten und unerfahrensten Studenten erwies. Hiermit hörte dann auch allmählich die feindselige Stimmung seiner Kollegen auf, da er nicht mehr beleidigte und nach und nach seine heftigsten Gegner an andere Hochschulen berufen wurden. [...]

Im geheimen Laboratorium fertigte er nach wie vor Ultramarin an, aber es redete niemand mehr davon, da er selbst nicht mehr vom Goldmachen sprach. Das Geheimnis der Bereitung dieser kostbaren Farbe wurde aber noch vor seinem Ende von der Wissenschaft entdeckt [...]. Die Bewunderung, welche Beireis so viele Jahre lang und namentlich in der Periode seiner Kraft und Rüstigkeit für seine Person in Anspruch genommen hatte, forderte er im späteren Lebensalter für die großen Sammlungen und Seltenheiten, welche er in seinem Hause bewahrte, und hier zollte ihm jeder die Anerkennung, die jene Kostbarkeiten und der Sammlerfleiß des Eigentümers verdienten, und deren Tribut der Bewunderung noch den Greis stolz und jederzeit zum Vorzeigen bereitwillig machten.

In diesem Frieden mit sich und der Welt durchlebte er eine lange Reihe höherer Lebensjahre und das Schicksal vergönnte ihm das Glück, als achtzigjähriger Greis noch den 29. Mai 1809 als den Jubeltag seiner fünfzigjährigen Amtsführung als Lehrer der Universität Helmstedt feiern zu können. Mehrere der früheren Professoren waren unterdessen an andere Hochschulen berufen oder gestorben, wie Henke, Haeberlin, Eisenhard, einige seiner ehemaligen Schüler waren bereits wieder Lehrer geworden, die zurückgebliebenen älteren Kollegen waren versöhnt, die Eigenheiten des Greises wurden mit Duldung ertragen und so geschah es, daß Beireis im Kreise sämtlicher Familien der Helmstedter Professoren und vornehmsten Einwohner sein Jubiläum feierte. Am Abend dieses Maitages versammelten sich alle Studierenden zu einem feierlichen Umzuge, mit welchem sie ihm ein Lebehoch brachten; ein Gedicht, welches die jugendliche Begeisterung eines Studenten diktiert hatte, verherrlichte ihn und seine Verdienste, und ein heiterer Kreis seiner Kollegen und Freunde umgab ihn bis in die späte Nacht.

Es war ein Jubel= und Abschiedsfest seines Lebens. Nur wenige Sommermonate waren ihm noch vom Schicksal vergönnt. In der Mitte des Septembers brach in Helmstedt abermals die bösartige Ruhr aus, welcher er früher als Arzt so manches Opfer zu entreißen gewußt hatte, sie ergriff ihn diesmal selbst und er unterlag ihr am 18. September 1809.

Noch in demselben Jahre wurde durch die Ereignisse der Welt auch die alte Julia Carolina, Helmstedts Ruhm und Glanz, für immer aufgehoben. [...] Verödet sind seitdem die akademischen Plätze Helmstedts, verstummt ist das lateinische Wort im Juleum, verstorben, die von den Lehrstühlen des berühmten »Elm-Athen« herab Weisheit hörten - die Stadt selbst zehrt nur von der Erinnerung ihrer einstigen Bedeutung.

Anmerkungen

Friedrich Hermann Klencke war ursprünglich Wundarzt, der sich mit medizinischen Ratgeber-Büchern und populären naturwissenschaftlichen Aufsätzen die Finanzmittel erschrieb, ordentlich Medizin studieren zu können.  Das hatte ihn auf den Geschmack gebracht: Er erweiterte sein Themenfeld und wurde einer der rührigsten Verfasser kulturhistorischer Sachbücher und Erzählungen. Er verfaßte biographische Romane über Luther und Leibniz, Lessing und Herder - und 1851 eben auch über den magischen Professor Beireis, den Adepten zu Helmstedt. Ein Buch, das zugleich die letzten Tage der ehedem ruhmvollen Universität Helmstedt schildert. Und als alter Chemiker wußte Klencke natürlich auch über »den Duckstein« bescheid, das Helmstedter Nationalgetränk - »ein bierähnliches, aufbrausendes Gebräu«.

Quelle

Friedrich Hermann Klencke, Der Adept zu Helmstedt. Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Professors Beireis. Helmstedt, J.C. Schmidt, 1930, S. 298 - 303