Drei, denen nicht zu trauen ist: Leine, Ihme, Innerste

Autor

Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe, Portrait von Wilhelm Immenkamp

- 1874 -

[...] Es waren drei Fräulein vor etwa hundertundzwanzig Jahren, und sie leben heute noch und heißen die Leine, die Ihme und die Innerste. Sie sind im Laufe der Zeiten reguliert worden; aber hübscher sind sie nicht dadurch geworden. Vor hundertundzwanzig Jahren war ihnen allen dreien nicht zu trauen; doch die Innerste war die schlimmste und ist es bis auf den jetzt vorhandenen Tag geblieben. Wenn wo das alte Wort Gültigkeit hat, daß schlechter Umgang die guten Sitten verdirbt, so ist es in diesem Falle.

Man sagte wohl im Lande umher: »Die Leine ist falsch! Die Leine ist ein böses Wasser! Die Leine ist tückisch!« und es war ein gut Stück Verleumdung in jeglichem landläufigen Diktum. Die Leine war nicht besser, als sie war; aber von Natur aus war sie jedenfalls besser als ihr Ruf. Von Natur ein braves Wasser, ein gutes Wasser, ein gutmütiges Wasser, wurde sie durch die Innerste verdorben.

Im Hildesheimischen Amt Rethen vereinigt sich die Innerste mit der Leine, und nachher ist's freilich zu Ende mit den guten Sitten der letzteren, und die Stadt Hannover hat zweifelsohne mancherlei zu erzählen von ihrer üblen Laune und Heimtücke.

Von der Ihme brauchen wir eigentlich nichts zu erzählen. Reißend und sumpfig zugleich, voll von Wirbeln und Drehkuhlen, faulen Bäumen, Pfählen und Klötzen, stinkend von den Flachsrotten der Anwohner und überall sehr trübe, lassen wir sie laufen und sagen nur noch, daß auch ihre schlechten Eigenschaften die arme Leine auf ihre Rechnung zu nehmen hat, nachdem sie, die Ihme oder der Ricklinger Bach, vom lieblichen Deister heruntergekommen ist, die freundlichen Dörfer Bredenbeck und Börie und die Landwehrschenke im Amt Kalenberg passiert und gleichfalls ihre Sehnsucht nach der Stadt Hannover befriedigt hat. Wer mehr von dem Wasser wissen will, schlage nach in Grupens hannöverschen Altertümern.

Jetzo wenden wir uns zur Innerste.
Von ihrem Ursprunge mitten im wilden Harzgebirge an bis zu ihrer Ausmündung im Amt Rethen verschlechtert sich ihr Charakter von Schritt zu Schritt, und alle Glocken und alle Pfaffengesänge von Hildesheim treiben ihr die bösen Teufel nicht wieder aus. Selten aber auch geriet ein unschuldig hellblickend, klaräugig Bergwässerlein und Quellnixlein sofort bei seinem Austritt aus dem dunklen Schoß der Erde in so schmutzige Hände und an solch schwarz schweflicht Handwerk als diese arme hercynische Najade oder Nymphe. Wahrlich, ihr sind niemals Öl, Wein, Milch und Blumen geopfert worden! Wildemann nimmt sie beim Schopfe, Lautenthal und Langelsheim mit ihren Hütten und Pochwerken tun ihr alle erdenkliche Schmach an, und so ist es kein Wunder, daß sie bei Ringelheim schon vollständig verderbt ist und bei Himmelstür frech, boshaft und scheußlich in die Ebene hervorgeht, und daß trotz allen Hildesheimschen Pfaffengesängen und Glockenklängen bei Sarstedt die schlimmsten Gerüchte von ihr im Schwange sind. Es hilft ihr nichts, daß sie da zu Leimoniade, zur Wiesennymphe wird: wild, heimtückisch und blutdürstig bleibt sie. Mit dem Auswurfe des Harzes, dem verderblichen Puchsande geschwängert, bleiben ihre Begierden unordentlich und wird sie von Zeit von unheimlichen Gelüsten ergriffen, und dann schreit sie.

Anmerkungen

Es hat sich manches geändert, seit Wilhelm Raabe seine Erzählung »Die Innerste« geschrieben hat: Das »schwarz schweflicht Handwerk« im Harz ist verschwunden, die »Pochwerke« sind Vergangenheit, doch Eines ist immer gleich geblieben - den »drei Fräulein« ist nicht zu trauen, und besonders nicht der Innerste. Mehr von und über Wilhelm Raabe - siehe unter »Weserbergland« und »Drömling«.

Quelle

Wilhelm Raabe, Die Innerste (1874), in: Krähenfelder Geschichten (1879), Sämtliche Werke, Zweite Serie, Band 4, Berlin-Grunewald : Hermann Klemm, o.J. [1913], S. 421ff