Die Armee ist die aristokratische Form der Emigration

- 1949 -

Aus: »Doppelleben«

Um mich zurückzuziehen, gab es für mich nur einen Weg, er lautete: die Armee. Die Kollegen und Kameraden, mit denen ich zusammen studiert hatte, waren zum Teil nach dem I. Krieg im Hunderttausendmann-Heer geblieben und jetzt in maßgeblichen Stellungen. Ich trat mit ihnen in Verbindung und fragte an, ob ich wieder eintreten könnte. Ich wollte aus Berlin heraus und aus den Verbindungen, die meine Stellung in der Literatur mit sich brachte. Das war möglich unter gewissen Voraussetzungen und Risiken. Darunter war die größte, daß ich ein halbes Jahr in Zivil Probezeit absolvieren mußte, ohne sicher zu sein, dann übernommen zu werden. Also mußte ich meine Praxis aufgeben, meine Wohnung in Berlin, meine materielle Grundlage und ins Ungewisse ziehen. Damals prägte ich das Wort, das bis 1945 im Oberkommando umlief, ohne daß allerdings glücklicherweise noch jemand wußte, von wem es stammte: Die Armee ist die aristokratische Form der Emigration.

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In Hannover schrieb ich das Weinhaus Wolf, erschienen 1949 in dem Band der Ptolemäer, und eine Reihe von Gedichten, die jetzt in den neuen Sammlungen stehen: Anemone – Einsamer nie – Wer allein ist – Die Gefährten – Astern – Tag, an dem der Sommer endet – in Hannover war Landschaft um mich herum, die habe ich immer als notwendige Voraussetzung für Lyrikproduktion empfunden. Alles in allem waren es keine schlechten zwei Jahre, die ich dort verbrachte. Der Dienst war nicht schwer und dauerte nicht lange, ich war ungemein pünktlich und korrekt, ich wollte mir ja meine Aufnahme in die Wehrmacht verdienen und dann eine baldige Beförderung zu einer höheren Gehaltsklasse. Unmittelbare Geldsorgen hatte ich nicht, ich bekam 3-400 RM, ich wohnte wieder wie als Student in einem möblierten Zimmer und kochte mir selbst. Sonntags fuhr ich mit den großen Reiseomnibussen in mir bis dahin unbekannte Gegenden der Weser, der Heide, des Solling oder in mir fremde Städte, wie Hameln, Celle, Wolfenbüttel, alles interessante Orte. Von Politik war hier überhaupt nichts zu spüren. Keilereien zwischen SA und Offizieren warfen gelegentlich die Frage nach dem alten Ehrenkodex auf und wurden hinhaltend applaniert. Die Frage, ob eine Dame mit unehelichem Kind Offiziersfrau werden könnte, erforderte Überlegungen und sie wurde, soweit ich mich erinnere, damals, 1936, negativ entschieden – das Volksheer war noch nicht perfekt.
Schließlich aber hielt ich es in einer Provinzstadt nicht mehr aus, Berlin war seit 1904 meine Heimat, ich, der ich Paris und New York gut kannte, fand zum Wohnen doch Berlin die beste aller Städte. Und ich betrieb meine Zurückversetzung dorthin. Lieber in Pankow oder Niederschönhausen mein Leben lang mustern – aber bitte zurück nach Berlin, schrieb ich meinen Gönnern, und sie erfüllten meine Bitte.

Anmerkungen

Gottfried Benn war von 1935 bis 1937 als Oberstabsarzt bei der Heeressanitäts- Inspektion in Hannover tätig. Am 18. Oktober 1951 kehrte er noch einmal nach Hannover zurück, um dort seinen – erstmals im August d. J. in Marburg gehaltenen – Vortrag Probleme der Lyrik zu wiederholen. »Auch da wurde ich als grosser Mann gefeiert und aufgenommen, Minister zu Füssen...«, schrieb er eine Woche später an Friedrich Wilhelm Oelze. Na dann...

Quelle

Gottfried Benn, Doppelleben (1949). Teil II, II. Leier und Schwert. In: Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke (Hrsg. Bruno Hillebrand), Bd. 4: Prosa und Autobiographie. Ffm : Fischer Taschenbuch Verlag, 1984, S. 415 und 418.

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke Band 4: Prosa und Autobiographie Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1984