Braunschweiger Kinder-Tagebuch, wiedergelesen nach siebzig Jahren (1944)

Autor

Ricarda Huch

Foto: Wanda von Debschitz-Kunowski

Zu unseren Lieblingsbüchern gehörte, als wir Kinder waren, das Tagebuch dreier Kinder von R. Stein; wir besaßen es in einer der ersten Auflagen, die von Hosemann anmutig und humorvoll illustriert ist. Das Vorbild von Wilhelm, Otto und Mariechen, die mit ihren sonntäglichen Aufzeichnungen ein so unterhaltendes Buch hervorbrachten, feuerte uns an, gleichfalls ein Tagebuch zu führen, ein Vorsatz, der von elterlicher Seite natürlich begünstigt, vielleicht auch angeregt wurde. An meinem sechsten Geburtstage bekam ich ein Album geschenkt, das mir als Tagebuch dienen sollte; es war blau, mit Goldschnitt und Goldpressung im damaligen Geschmack verziert, mein Name war in goldenen Buchstaben darauf gedruckt. An das Vorbild mich anschließend begann ich mit der Angabe meines Alters: »ich bin secks Jjahr«, dann werden sogleich die Erlebnisse berichtet: »Gestern gingen wir nach der Lauenburch, da fink es furchtbar an zu regenen, da stellten wir uns unter einen grosen Eichbaum, da wachten wir lange, entlich wurde es uns zu lange, da kerten wir um nach Haus.«

Wir, das war meine Mutter, unsere Erzieherin Anna Schröder, meine älteren Geschwister Lilly und Rudolf und ich; zuweilen gesellten sich meine Großmutter, mein Vater und ein Onkel, Bruder meiner Mutter, zu uns. Wir verbrachten diesen Sommer des Jahres 1870 in Suderode im Harz. [...]

Vergleicht man unsere Tagebücher mit dem Tagebuch dreier Kinder von A. Stein, so fällt einem der Unterschied von Dichtung und Wirklichkeit auf. Die Kunst hat ein Sieb, das alles Unwesentliche abtriefen läßt, so daß davon nur übrigbleibt, was der Lebendigkeit und Fülle des Dargestellten dient. Die Kunst verdichtet, sammelt, erhöht, vertieft, in Wirklichkeit ist das wichtigste Geschehen verstreut und verschüttet, von Nichtigkeiten überwuchert, oft erhält es erst im Rückblick seine Bedeutung. Diese Betrachtung soll darauf vorbereiten, daß der Inhalt meines Tagebuches ebenso unbedeutend wie langweilig ist. Man ließ mich schreiben, was und wie ich wollte, und ich schrieb das, was ich zum Niederschreiben geeignet fand und faßte mich dabei so kurz wie möglich, da ich natürlich lieber spielte oder herumschweifte als schrieb. Es ging mir, nach den struppigen Buchstaben zu urteilen, noch nicht flink von der Hand. Nach einem längeren Tagesbericht kommt etwa: »so nun nichz mer« oder ein ähnlicher aufatmender Abschluß. Eins kann man aus meinem Tagebuch lernen, daß nämlich diejenigen sich täuschen, die glauben, in ihrer Jugend sei besseres Wetter gewesen. Der Regen sickert wie ein trüber Faden durch mein Tagebuch. »Da fink es furchbar an zu regenen«, kehrt fast auf jeder Seite wieder. Schon auf der zweiten Seite wird über das »schlächte weter« geklagt, das einen Ausflug verhindert. Dann heißt es: »vorgestern gingen wir auf den Stufenberg, aber im volsten regen.« Offenbar hatten wir gute Miene zum bösen Spiel gemacht und entschädigten uns für das schlechte Wetter durch andere Freuden; denn es geht weiter: »als wir da waren tranken wir schochelat«, und auf dem Rückwege kauften wir Kirschen. »Sonntag furen wir nach kwelin burch (Quedlinburg) und holten Großmama und Papa ab.« Da das Wetter nicht erwähnt wird, scheint es befriedigend gewesen zu sein. [...]

Die Braunschweiger Hälfte meines Tagebuches ist angefüllt mit der Schilderung der Spiele, die wir im Garten zu spielen pflegten. Räuber und Prinzessin war wohl das beliebteste, daneben werden genannt Masche, masche Brücke, Dritten abschlagen, Eisermännchen, wie gefällt dir dein Nachbar, Klumpsack, Müller von hinten. Von einigen Spielen wird erklärt, wie es dabei zugeht. Glückliche Kindheit! Hie und da wird beiläufig erwähnt, daß wir arbeiteten, hauptsächlich aber wird gespielt, gespielt, gespielt, ohne daß jemals šberdruß am Spielen einträte. [...] Das einzige, was unsere Lust störte und uns aus dem Garten vertrieb, war der Regen.

Wirklich, man kann es sich kaum denken, so viel schlechtes Wetter! rufe ich einmal empört aus. Wenn es regnet und während des Winters wird im Hause gespielt: Schwarzer Peter oder Kaiser, König, Stepke, Dieb. Bei dem letztgenannten Kartenspiel hatte am Schluß der Stepke dem Dieb eine gewisse Anzahl Schläge aufzuzählen, denen dieser sich durch die Flucht zu entziehen suchte. Der dabei entstehende Tumult gab ihm eine besondere Anziehungskraft.

Ein hübsches kleines Theater mit bunten Kulissen und Figuren aus Papier wurde eifrig benützt, auch ein Kasperltheater hatten wir. Die aufzuführenden Stücke verfertigten wir zum Teil selbst. Bei der Aufführung der Undine wurden technische Künste aufgeboten: »Als Undine allein im Walde war, kam Blitz und Donner. Das war sehr hübsch. Wenn der Blitz kommen sollte, pustete Otto in die Lampe.« Wir schauspielerten aber auch in eigener Person, stellten Sprichwörter dar, die von den Zuschauern geraten werden mußten, zum Beispiel: Ehrlich währt am längsten oder Heute rot, morgen tot. Dazu benutzten wir Stoffe, Kostüme und Trachten, die aus dem Bekanntenkreise gesammelt wurden.

Waren mein Bruder und ich allein, spielten wir meistens Soldaten. Was für einen Schatz besäße ich, wenn ich unsere Soldaten aufgehoben hätte! Einen stürmischen Fahnenträger, den ich besonders liebte, habe ich lange mitgeführt, bis er mir auf meinen vielen Wanderungen doch endlich verlorengegangen ist. Bis zum jetzigen Kriege wurde die Art von Zinnsoldaten, die es in meiner Kindheit gab, immer noch hergestellt und von Liebhabern gekauft. Man konnte die ganze Weltgeschichte mit Zinnsoldaten spielen! Es gab Griechen und Römer, Ritter und Landsknechte, die Dreispitze Friedrichs des Großen, die Bärenmützen Napoleons, es gab Musketiere, Grenadiere und Kanoniere. Wir besaßen hauptsächlich die Soldaten unserer Zeit, die damals noch in den mannigfaltigsten Uniformen auftraten. Abgesehen von den roten Hosen der Franzosen, die kräftig leuchteten, gab es Turkos und Zuaven, rote und schwarze Husaren, blaue Ulanen, die blitzenden Kürassiere und die Braunschweiger Totenköpfe, dazu die Reiterei mit den galoppierenden Pferden. Auf einem großen runden Tisch bauten wir aus Büchern Burgen und Festungen und ließen unsere Truppen in Schlachtordnung aufziehen. Von Büchern erwähne ich nur gelegentlich die Insel Marzipan, den Faulpelz in tausend Žngsten und Prinz Grunewald und Perlenfein mit ihrem lieben Eselein; andere als Bilderbücher kamen wohl für mich noch nicht in Betracht. Von den genannten sind die beiden letzteren noch öfter aufgelegt und gehören zum klassischen Bestande, nicht aber, soviel ich weiß, die Insel Marzipan. Mir sind von ihr leider nur einige Bruchstücke übriggeblieben, Verse voll von urkräftigem Humor, die mich den Verlust des Ganzen beklagen lassen. Die große Zeit der Bilderbücher scheint mit dem Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorüber gewesen zu sein, was nachher kam, war zu zahm, charakter- und phantasielos.

[...] Etwa in meinem siebenten Jahre begann ich, Gedichte zu machen. Eines derselben fing an: »Ihr Leut, ihr Leut, kommt all herbei - es geschieht ein Wunder zu Norderney!« Dies Gedicht entstand, wie ich mich bestimmt erinnere, aus meinem Entzücken an dem Wort Norderney, das ich im Gespräch aufgefangen hatte. Es verband sich seinem zauberhaften Klang zufolge mit dem Wundervollen, das sich dort begeben haben mußte. Das einzige ganze Gedicht, das sich aus jenen Kindertagen erhalten hat, handelt von einem Löwen, dem ein Jäger die Jungen geraubt hat. Es ist durchaus ein unbedeutendes, seichtes Oberflächengedicht, das höchstens durch die Wahl des Stoffes etwas über mich aussagt, nämlich meine leidenschaftliche Liebe zu Tieren, insbesondere zu den Löwen bezeugt. Sehr viel später erst vermochte meine Sprache diejenige Tiefe zu spiegeln, wo das Eigene wurzelt und wo man sich zugleich dem Allumfassenden ein wenig nähert.

Anmerkungen

Ricarda Huch ist - als Tochter einer örtlichen Patrizierfamilie - in Braunschweig aufgewachsen. Aus Anlaß ihres 80. Geburtstags erhielt sie 1944 den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig obwohl sie politisch in der NS-Zeit nur gelitten war. Zum Dank für die Auszeichnung schrieb die Autorin damals unter dem Titel »Mein Tagebuch« ihre Jugenderinnerungen nieder. Bei der Erwähnung des vorbildlichen »Tagebuchs dreier Kinder« war sie sich aber offenbar über den Vornamen der Verfasserin nicht ganz einig, darum zur Aufklärung: Die Autorin hieß Anna Stein (und die drei »Tagebuch«-Bände erschienen 1846 und 1852). Der nicht beim Namen genannte Dichter der »Insel Marzipan« ist übrigens der Berliner Satiriker (und »Eckensteher Nante«-Schöpfer) Adolf Glassbrenner.

Quelle

Ricarda Huch, Mein Tagebuch. In: Braunschweig meiner Kinderzeit (herausgegeben von der Stadt Braunschweig), Braunschweig, 1973, S. 9ff u. S. 13 - 20