Bekehrung im Bordell

- um 965 -

aus: ABRAHAM

Fall und Buße der Maria, der Nichte des Einsiedlers Abraham, die, als sie zwanzig Jahre in der Klause gelebt,

ihr Jungfrauntum preisgab, in die Weltlust wieder gestrebt,

und unter Buhlerinnen sich zu mischen, nicht zurückgebebt.

Doch nach zwei Jahren mahnte sie der Abraham,

der wie ein Liebhaber zu ihr kam,

und führte sie zurück; daß sie Tränen reich vergoß

und Fasten, Nachtwachen und Beten sie nie verdroß,

dadurch machte sie zwanzig Jahre lang

die Flecken ihrer Sünden rein und blank.


FÜNFTER AUFTRITT

Wirtshaus

Abraham [als Soldat verkleidet]. Wirt

Abraham: Guter Wirt, dich grüß ich hier.

Wirt: Was spricht da für ein Gast? Gruß dir!

Abraham: Gibts wohl ein Fleckchen, wo ein Wandersmann

bei dir hier übernachten kann?

Wirt: Versteht sich. Unser Gästehaus schließt keinen aus.

Abraham: Das ist löblich.

Wirt: Tritt nur ein!

Gleich soll das Essen bereitet sein.

Abraham: Für freundlichen Empfang dank ich dir sehr,

doch bitt ich dich um Größeres noch mehr.

Wirt: Was du wünschst, verkünd es, daß ich dirs bescher!

Abraham: Die kleine Gabe, die ich bring, nimm an

und schaffe, daß das wunderschöne Mägdelein – es soll ja eines bei dir sein – an unserm Mahle teilnehmen kann.

Wirt: Warum willst du sie denn sehn?

Abraham: Weil ich mich so sehr auf ihre Bekannschaft freue,

deren Schönheit viele rühmen – von ihr hör ich stets aufs Neue.

Wirt: Wer auch von ihrer Schönheit lobend spricht,

der lügt nicht;     

an Schönheit, die im Angesicht zu schauen,     

überstrahlt sie alle andern Frauen.

Abraham: Darum brenn ich in Liebe zu ihr.

Wirt: Mich wundert, daß im abgelebten Greisenleib   

du Liebe spürst zu einem jungen Weib.

Abraham: Wahrhaftig, ich bin nur deshalb hergegangen,     

um zu ihrem Anblick zu gelangen. 



SECHSTER AUFTRITT

Abraham. Wirt. Maria

Wirt: Komm her, Maria, komm zu mir,     

zeig deine Schönheit unserm neuen Gast hier!

Maria: Ich komme schon, seht ihr?

Abraham (für sich): Welch Gottvertraun, welch unterschrockner Mut ist mir wohl not,    

wenn die, der im Versteck der Wüste ich die Nahrung bot,     

wenn ich sie seh mit Hurenschmuck versehn    

vor meinen Augen stehn.     

Doch ist die Zeit nicht da, daß das Gesicht verkündet,     

was sich im Herzen gründet.     

Mannhaft will ich die quellenden Tränen verstecken,     

mit heuchlerischer Fröhlichkeit     

im Blick des Herzens bittre Traurigkeit verdecken.

Wirt: Maria, Glückskind, freue dich,    

weil nicht nur, wie bisher, die gleich dir jungen,     

nein, die auch, die vom Greisentum bezwungen,     

bei dir weilen,     

zu deiner Liebe zusammeneilen.

Maria: Die mich mit Liebe umfangen,     

werden gleicher Liebe Lohn von mir erlangen.

Abraham: Maria, komm und gib mir einen Kuß!

Maria: Dir will ich mit süßen Küssen schmeicheln,    

auch den greisen Hals mit viel Umarmen streicheln.

Abraham: Großartig.

Maria: Was durchströmt nur mich?     

Welch wunderbares Neues schmeck und schlürfe ich?     

Ach, dieses Wohlgeruches Duft    

erinnert mich an meiner frühern Keuschheit Luft.

Abraham: Jetzt, jetzt heißt es heuchelnd sich zu zwingen,     

jetzt nach kecker Buben Art darauf zu dringen,     

daß sie mich nicht an meinem Ernst erkennt    

und nicht vor Scham in ihren Winkel rennt.

Maria: Weh, Unselige ich!     

Von welcher Höhe stürzt ich mich,     

welch Elendsgrube öffnet' sich!

Abraham: Geeignet ist der Ort hier nicht zum Klagen,     

wo Scharen sich versammeln zu Gelagen.

Wirt: Maria, Herrin, sag, warum du Seufzer hören ließt,     

warum du Tränen denn vergießt?     

Ists nicht so, daß uns zwei Jahre siehst,     

und niemals brach ein Seufzerlaut aus dir hervor,    

nie stieg ein Trauerwort empor?

Maria: O wär ich vor zwei Jahren doch gestorben,     

daß ich zu solcher Schande nicht verdorben!

Abraham: Nicht kam ich, deine Sünden mit dir zu beweinen,     

sondern mich mit deiner Liebe zu vereinen.

Maria: Leichte Reue riß mich fort,     

daher sprach ich solches Wort.     

Doch wollen wir uns jetzt zum Essen setzen    

und uns ergötzen;    

denn wie du gesagt,     

ist hier nicht die Stunde, daß man Sünden klagt.

Abraham: Wir sind genug geletzt,    

genug durch Trank ergötzt,     

denn deine Gebefreudigkeit,     

mein guter Wirt, stand uns zur Seit.     

Laß mich vom Mahle mich erheben,     

daß ich den müden Körper auf das Lager lege    

und süßer Ruhe pflege.

Wirt: Wie beliebt.

Maria: Steh auf, mein Herr, sollst dich erheben,     

ich will mit dir zugleich zum Lager streben.

Abraham: Vortrefflich. Auf keinen Fall laß ich mir das verwehren,     

ohne daß du mich begleitest, mich von hier zu kehren.



SIEBENTER AUFTRITT

Gemach der Maria

Abraham. Maria

Maria: Sieh die Lagerstatt,     

die uns zum Liegen eingeladen hat.     

Sieh da das Bett,     

geschmückt mit teuren Polstern wahrlich nett!    

Setz dich! Ich streife deine Schuhe ab, damit du keine Last    

beim Ausziehn hast.

Abraham: Zuvor leg an die Tür die Riegel an,     

daß niemand einen Zugang finden kann.

Maria: Sorg dich nicht hierbei!    

Ich richt es ein, daß keinem leicht der Zugang zu uns sei.

Abraham: Schnell des Kopfes Hülle abgenommen     

und offenbart, wer hergekommen! [Seine Tonsur wird sichtbar]    

O mein erwähltes Töchterlein,     

Teil meines Herzens, o Maria mein,     

erkennst du den nicht, der dich väterlich erzog, den alten Mann –     

er traute dich dem eingebornen Sohn des Himmelsvaters an?

Maria: Weh mir, das ist mein Vater und mein Lehrer Abraham, der mit mir spricht.

Abraham: Tochter, sag, was ist mit dir geschehn?

Maria: Hab schlimmes Elend gesehn.

Abraham: Wer dich belog    

und wer verführend dich betrog?

Maria: Der's erste Menschenpaar zu Boden zog.

Abraham: Wo ist das engelgleiche Leben,     

dem du auf Erden dich ergeben?

Maria: Ganz gestorben.

Abraham: Wo ist die jungfräuliche Züchtigkeit?     

Wo die bewundernswerte Enthaltsamkeit?

Maria: Verdorben.

Abraham: Für deiner Fasten, Gebete, Wachen, Schweiß – auf welchen Lohn,

wenn du nicht endlich klug wirst, hoffst du schon?    

Wo du doch, gleichsam aus des Himmels Höhe, abgesunken,     

in Höllentiefe bist ertrunken.

Maria: Wehe!

Abraham: Warum hast du dich von mir gewandt,     

warum bist du fortgerannt,     

wie konntest du mir nur das Unheil deiner Not nicht sagen?     

Daß ich und mein geliebter Ephrem [ein weiterer Einsiedler] Buße für dich tragen.

Maria: Als ich gefallen so in Sünden steckt',     

wagt ichs nicht, mich deiner Heiligkeit zu nahen, so befleckt.

Abraham: Von Sünden rein, wer war das jemals schon,     

wenn nicht allein der Jungfrau Sohn?

Maria: Niemand.

Abraham: Menschlich ist es, Sünden zu begehn,     

teuflisch, in den Sünden festzustehn.     

Mit Recht wird nicht getadelt, wer plötzlich fällt,     

wohl aber der, der sich nicht schleunig wieder auf die Beine stellt.

Maria: Weh mir Armen!

Abraham: Was fällst du bloß?     

Was liegst du auf der Erde so bewegungslos?     

Du sollst dich erheben    

und acht auf meine Worte geben.

Maria: Zu Boden fiel ich, von der Angst erschlagen,     

denn ich vermochte nicht, der väterlichen Mahnung Last zu tragen.

Abraham: Meine Liebe zu dir sollst du ins Auge fassen     

und von den Ängsten lassen.

Maria: Ich kann nicht.

Abraham: Deinethalben verließ ich meine geliebte Eremitenklaus    

und hielt mich aus aller Übung der Mönchesregel ganz heraus,     

so sehr, daß ich, eine Eremit der alten Art,     

zum Tischgenoß der ausgelassnen Jugend ward    

und daß ich, der so lange schwieg,     

mich zu Scherzen, um nicht erkannt zu werden, gar verstieg.     

Weshalb schaust du mit gesenktem Blick zur Erde nieder,     

weshalb fügst du nicht dein Wort entgegnend zu dem meinen wieder?

Maria: Verwirrt bin ich durch das Bewußtsein eigner Schuld,     

deswegen kann ich nicht das Auge zum Himmel heben    

und meine Rede nicht zu deiner geben.

Abraham: Dem Mißtraun, Tochter, darfst du doch nicht leben,     

nicht der Verzweiflung dich ergeben,     

vielmehr ihrem Abgrund dich entwinden    

und in Gott des Herzens Hoffnung gründen.

Maria: Meiner Sünden Übermacht    

stieß mich in der Verzweiflung Nacht.

Abraham: Zwar sind deine Sünden schwer -

das gesteh ich ein,     

doch größer als alle Kreatur und mehr    

ist Gottes Gnade allein.     

Drum brich mit der verzweifelten Traurigkeit,     

Versäum nicht lässig deiner Buße kleine Zeit,     

daß Gottes Gnade überfließt,     

wenn Abscheu vor der Sünde überschießt.

Maria: Könnt eine Hoffnung auf Verzeihen mich beseelen,     

würd auch der Buße Eifer mir nicht fehlen.

Abraham: Laß Mitleid mit der Mühsal, die ich für dich trage, sehn;     

du sollst die schädliche Verzweiflung missen,     

die schlimmer noch als jegliches Vergehn,     

wie wir wahrlich wissen.     

Wer zweifelt, daß mit Sündern Gott erbarmungsvoll verfahr,     

der sündigt unheilbar;     

denn wie des Feuersteines Funke nicht entflammt die Meereswellen,

kann unsrer Sünden Bitterkeit die Süße von Gottes Gnade nicht vergällen.

Maria: Nicht leugne ich der göttlichen Gnade Prächtigkeit;     

doch wäge ich des eignen Vergehens Mächtigkeit,     

dann fürchte ich nicht zu genügen,     

um mich durch würdige Buße einzufügen.

Abraham: Auf mich komm deine Sündigkeit,     

nur kehr zurück, von wo du ausgegangen,     

zum zweiten Mal den Wandel, den du ließest, anzufangen!

Maria: In nichts will deinem Willen ich je widerstreben,     

will dem, was du befiehlst, gehorsam mich ergeben.

Abraham: Jetzt bist du ganz die Tochter mein,     

die ich erzog – gern gesteh ichs ein;     

jetzt gelte meine Liebe vor allem dir allen.

Maria: Ein wenig Gold und Kleidung hab ich noch.     

Was deine Weisheit damit beschließt, das sag mir doch!

Abraham: Was du mit Sünde konntst gewinnen,     

laß mit den Sünden auch zerrinnen!

Maria: Den Armen dachte ichs zu spenden    

oder heiligen Altären zuzuwenden.

Abraham: Ich glaub, die Gabe ist Gott nicht willkommen,     

die durch die Sünde eingenommen.

Maria: Keine Sorge mehr wird mich deswegen quälen.

Abraham: Strahlend stellt das Morgenrot sich ein,     

es bricht des Tages Licht herein.     

Gehn wir!

Maria: Geliebter Vater, wie der gute Hirte mußt du nur    

dem Schaf voraufgehn, das sich wiederfand,     

ich schreite dann in der gleichen Spur    

und folge dir nach, der vorausgerannt.

Abraham: Nicht so! Zu Fuß will ich doch schreiten,     

du aber sollst auf meinem Pferde reiten,     

daß nicht des Weges Rauhigkeit    

die zarten Sohlen schneid.

Maria: Wie soll ich dich bloß nennen,     

welch Dankesschuld dir zuerkennen,     

der mich, die kein Erbarmen verdiente, nicht durch Schrecken zwingt, 

mit milder Nachsicht nur auf Buße dringt?

Abraham: Von dir will ich nichts anderes verlangen,     

als am Gehorsam Gottes fest zu hangen.

Maria: Ich will aus freiem Willen mich dran hängen,     

mit allen Kräften danach drängen,     

und wenn es auch an Kraft gebricht,     

fehlt doch der Wille nicht.

Abraham: Recht ist es, Gottes Willen zu dienen mit Beflissenheit    

wie früher dieser Eitelkeit.

Maria: Ich bete, daß es durch dein Verdienst geschieht,     

daß Gottes Wille sich an mir vollzieht.

Abraham: Laß uns die Rückkehr nun beeilen!

Maria: Ja, eilen wir! Denn mich verdrießt es, länger noch zu weilen.

Anmerkungen

Hrotsvit von Gandersheim ist allein durch ihr literarisches Werk der Nachwelt geläufig. Es existiert kein Bild von ihr (Albrecht Dürers berühmter Holzschnitt, der die Dichterin zeigt, wie sie Kaiser Otto I. ihr Werk überreicht, ist eine reine Phantasie-Szene, wenngleich eine aufschlußreiche); und auch ihre Biographie ist allein durch einige Hinweise in ihren Schriften – andeutungsweise – zu erschließen. Es ist nicht einmal sicher, ob »Hrotsvit« ihr wirklicher Name war, oder ob sie ihn erst bei ihrem Eintritt in das Stift Gandersheim erhalten resp. gewählt hat. Für das letztere spräche, daß sie in ihren Texten mehrfach auf diesen – altsächsischen - Namen anspielt, dessen  Bedeutung sie mit Begriffen wie »starker Klang« oder »helltönende Stimme« angibt : »Ego, Clamor validus Gandeshemensis« (durchaus selbstbewußt; tatsächlich bedeutet das Wort wohl »ruhmstark«, aber das träfe es ja schließlich auch...). Sicher ist, daß Hrotsvit zur Zeit der Äbtissin Gerbergs II. im Stift Gandersheim lebte, einer Nichte Kaiser Ottos I.. Deren Daten sind dokumentiert: Sie lebte von 940 – 1001, wurde 959 zur Äbtissin gewählt, und da Hrotsvit in einer Widmungs- Adresse anmerkt, Gerberg sei etwas jünger als sie selber, datiert die Fachwelt ihr Geburtsdatum auf etwa 935. Und da Hrotsvit ihre ersten Schriften der Lehrerin Gerberg dedizierte, als die noch nicht Äbtissin war, müssen diese Texte vor 959 entstanden sein, als die Autorin etwa 23 Jahre alt war. Aus der Tatsache wiederum, daß Hrotsvit mit der Kaisernichte eng befreundet, das Gandersheimer Institut zudem ein ausgesprochen vornehmes war, haben die forschenden Germanisten den Schluß gezogen, daß die Dichterin vermutlich aus einem sächsischen Adelsgeschlecht stammte. Sie dürfte wohl schon als sehr junges Mädchen in das Stift gekommen sein und dort eine umfassende Bildung in alten Sprachen, Mathematik, klassischer Literatur, Philosophie, selbst Astronomie erhalten haben. Sicher ist ferner, daß Hrotsvit keine Nonne war – das Gandersheimer Stift war kein Kloster, und die dortigen Damen lebten zwar sittsam christlich, aber nicht nach Ordensregeln. Über Hrotsvits Tod ist nichts vermeldet. Sicher ist nur, daß keine nach 973 verfaßten Texte von ihr vorliegen.     Ihre Werke hat Hrotsvit in drei Büchern gesammelt – im Band I ihre Legenden, im Band 2 ihre Dramen, im Band 3 ihre Schilderung der Taten Ottos I.. Alle ihre Schriften sind in mittellateinischer Sprache verfaßt, der obige Text-Auszug aus ihrem »Abraham«-Stück hält sich dabei präzis an die rhythmische Reimprosa des Originals.

Quelle

Hrotsvit von Gandersheim, Abraham. In: Dulcitius. Abraham. Zwei Dramen. Übersetzung und Nachwort von Karl Langosch. Stuttgart : Reclam, 1993.Zu Biographie und Werk: Vergl. Bert Nagel, Einführung. In: Hrotsvit von Gandersheim, Sämtliche Dichtungen. München : Winkler, 1966, S. 5 – 35.

Publikationen

Titel Rubrik Verlag, Verlagsort Erscheinungsjahr Erwähnte Orte
Abraham. In: Dulcitius. Abraham. Zwei Dramen. Drama Reclam, Stuttgart 1993