Architektonische Streiche im kräftigen Pizzicato

- 1915 -

Ein Spaziergang durchs alte Hildesheim


Stets hat mich der geärgerte Widerstand dagegen, daß etwas, das aus der Seele heraus für das Herz der Allgemeinheit geschaffen worden, als Fremdenobjekt industriealisiert wurde, davon abgehalten, auch einmal in den Hildesheimer Dom hineinzugehen, den ich von außen in allen Jahreszeiten, im Glanz von Schnee und grünem Laub, in Morgenodem und im Abendschein gesehen hatte und liebte. Aber an diesem Maienabend kam ich von den südlichen Stadtwällen, des frühen Sommers voll. [...] Ich strich um die finstere Abtei herum. Alle Türen waren dunkel und verschlossen. Irgendwo nur ein kleines Schild: Besichtigung bis halb sechs. Es war eine Stunde später. Aber der Widerstand reizte mich nun. Die Abendsonne floß über die alten Dächer. Ihr waren diese Bauwerke kein Geheimnis. Aber mir! Ich ging von Tür zu Tür. Alles fest zu. Nirgends eine Klingel oder ein Zeichen, daß ein Mensch hinter den Mauern. Auch auf dem ganzen Platz sah ich keinen Menschen. Bis auf einmal, die Hände in die Hosen vergraben, mit einem frech falschen Pfeifen ein Junge daher kam. Den fragte ich: »Wo wohnt der Küster vom Dom?« - »In einem Haus!« warf er hin und ging pfeifend weiter, ohne zu lachen, ohne sich einmal umzudrehen, ein »Buttjer« von zwölf Jahren. Ich suchte weiter und drang schließlich durch das offene Tor in das Gymnasium Josephinum hinein, zum Äußersten entschlossen. Aber auch hier war alles menschenleer. Nur in der Dunkelheit eines verzwickten Flurs erscholl Gesang, und ich ließ mich von ihm leiten, bis ich endlich vom Gesangslehrer erfuhr, daß der Glöckner in Nr. 10 auf dem Domhof wohnte.

Dann machte sich die Sache. In Nr. 10 machte man mich auf eine verborgene Glocke am Dom aufmerksam. Daran zog ich alsbald, und das dunkle Geheimnis hinter dem Tor wimmerte einige Male kreischend auf. Dann erklangen Schritte, das Schloß sprang hallend, die Tür öffnete sich in die Düsternis einer Vorhalle, und vor mir stand ein imposanter Mann. Er war in einen weiten, roten Mantel gekleidet und trug in der Hand ein Ebenholzstöckchen mit elfenbeinernem Knäufchen, das er artig gegen mich verneigte. Ich erschrak etwas vor der Energie, mit der ich zu verbotener Zeit das Geheimnis des dunklen Doms lösen wollte. Ich dachte, es sei ein Kardinal aus dem dunklen verbrämten Heiligtum herausgetreten. Aber ich brachte meinen Wunsch scheu vor, und die Antwort lautete: Ja, aber erhöhte Taxe! Es war also kein Kardinal, sondern ein Küster.

Vermittelst der erhöhten Taxe sah ich dann, ergriffen bei Gott, das, was vor tausend Jahren, vor tausend heiligen Jahren, Frömmigkeit, Kunst und Prunk hier Gott geweiht haben: den Kronleuchter des »himmlischen Jerusalem«, die alte Eisensäule des Bischofs Bernward, die erzenen Türen, die bedrückte Krypta, den kleinen Löwenleuchter aus dem 11. Jahrhundert, den ebenso alten Kronleuchter in dem Chor, all die altersgeweihten Dinge, die an der Schwelle des ersten Deutschland entstanden sind. Darauf durchschritt ich, feierlich geleitet von dem roten Kardinal, den dunklen, vermessenen Kreuzgang, der den Annenfriedhof umschließt, und stand schließlich auch vor dem tausendjährigen Rosenstock, auf den ich, ich muß es sagen, besonders gewartet hatte: ein zartes Rosenholz, das sich tausendmal dem Frühling in neuer Hingebung grünend und tausendmal dem Sommer blühend gewährt haben sollte... das schien mir ein Wunder, nicht weniger groß als die strengen, frommen Kunstdinge, welche die Hände der Menschen hier rundum ihrem Gott geweiht haben. Doch der Rosenstock hatte kein Teil an der üppigen Sommerentfaltung, die ich draußen auf den Wällen erlebt hatte. Schüchtern zogen sich die paar Arme an den Steinen der Domapsis hinauf, schütter belaubt, etwas greisenhaft, und die Illusion verging vollends, als ich feststellen mußte, daß die älteste sichtbare Erscheinung des Stocks nur bis 1877 zurückging. Bloß die Wurzel lebt also tausend Jahre fruchtbar in den Schollen des kleinen Friedhofs, der wunderbar schwerfällig den warmen Goldblust der letzten Sonnenstunde von den hochgeschossigen roten Dächern des Kreuzgangs empfing.

Aber da ich bald wieder aus der verschachtelten und von Alter und Heiligkeit überrieselten Knappheit der Domgebäude heraus in die Weltlichkeit der alten deutschen Stadt trat, und dieses Geheimnis für mich gelöst war, fand ich, daß solche eine dunkle Insel mir in den Vorstellungen über Hildesheim gefehlt hatte. So einfach und unproblematisch das begünstigtere nachbarliche Hannover war, so verworren und schwerfällig schön reizte Hildesheim. Was für eine Geschichte diese Stadt geknetet hat! Eine Geschichte, gehämmert aus Steifnackigkeit, schwerfällig und romantisch deutsch, halb Schlemihl und halb Florian Geyer. Der Jesuit Lämmermann nannte die Hildesheimer »halsstarrige, kühne und doppelte Leute«! Das waren sie vom Beginn ihrer Kämpfe um Unabhängigkeit vom Bischof an über alle schlimme Zeiten hinweg. Das waren Leute, die ihren Bürgermeister mit Arrest bestraften, als er in einem verzweifelten Fall zum Frieden riet. Das waren die Männer, die so schwer um ihr Heidentum gerungen hatten und dann so katholisch wurden, die der Reformation mit Macht die Tür verschlossen und sie dann mit Gewalttätigkeiten, Rechtsverletzungen und im Dreißigjährigen Krieg mit einer beispiellosen Selbstverachtung und Tapferkeit unter sich herrschen ließen. Nachdem die Kaiserlichen die Stadt eingenommen und bis aufs Blut geschröpft hatten, weigerten sich die Hildesheimer, selbst noch erschöpft, gegen die glaubensgleichen Heere auch nur eine Hand zu heben. Die Bürger wurden abwechselnd ins Gefängnis geworfen. Sie wurden so weit getrieben, daß sie in einer Versammlung erwogen, durch gemeinsamen Selbstmord ihr Elend zu beschließen. Aber sie hielten die Muskeln gespannt. Neben diesen allgemeinen Erscheinungen ist die Geschichte Hildesheims gefüllt von absonderlichen und starken Unternehmungen einzelner Männer.

Eine Bevölkerung mit solchen Eigenschaften ringt sich immer wieder empor. Der Dreißigjährige Krieg, die entsetzlichste Katastrophe, die Deutschland jemals erlebt hat, hatte die Stadt fast zerrieben. Aber die guten Wurzeln schlugen neu aus. Von seiner Geschichte war Hildesheim abgesengt und verdammt worden. Es keimte dennoch weiter, und die Zauberei des modernen Deutschlands der Industrie hob es höher aus dem Fluch der Jahrhunderte empor, als es früher je gestanden hatte.

Doch bleibt in seinen Straßen, Plätzen und Gebäuden etwas von der Vergangenheit eingefangen, und unverkennbar lebt die hartköpfige, sonderbare Geschichte schweigend beredt in ihm weiter. Das sind nicht nur alte Gassen, alte Kirchen, alte Häuser und Plätze. Es ist, als könnten wir in die Seele der Vergangenheit Hildesheims Stufe für Stufe hinabsteigen, wenn wir uns von den Straßen und Häusern durch die Stadt leiten lassen. Hildesheim hat vielleicht die eigenartigste und besonderste Städteanlage, die Deutschland aus seiner guten alten Zeit erhalten geblieben ist. Was wir bei Wanderungen durch die Stadt in Einzelheiten erleben, ist schon im allgemeinen Gang der Gestaltung sozusagen im Keim ausgeprägt: kühn und verbohrt! Die Stadt hat sich über ein gewelltes Terrain gebreitet, dessen Auslaufen wir vor dem äußeren Häusergürtel, der nicht mehr wie einst streng geschlossen wie ein Wall die Stadt einpreßt, sondern vorerst etwas ziellos in die freie Bannmeile hineinbeißt, in weitereilenden grün bewaldeten Höhenzügen erblicken.

Im Innern der Stadt ist der Markt wie ein kleines Herz zuoberst gestellt mit Bauwerken von einer wundervollen Muskulatur, ebenso sonderlich wie stark: das Rathaus feierlich und heimelig, das Knochenhauer Amtshaus steil und monumental, das Tempelherrnschloß mit morgenländischer Bizarrerie seine Knotigkeit verbrämend, das Wedekindsche Haus üppig bewußt, bürgerlich schwelgend.

Aus diesem Herzen gleiten wir sozusagen von selbst hinab, dem Hohenweg zu, an der alten Apotheke vorbei, gelockt von dem Durchgang, der jenseits unter einem massiven Gebäude durchleuchtet. Mit was für einer Abenteuerlichkeit ist dann auf einmal die Verbindung mit dem Andreasplatz da! Unerwartet sind Straßenzüge von verschiedener Art hier baulich verbunden, Terrainunterschiede auf eine ebenso eigensinnige wie köstliche Art ausgenutzt. Man glaubt in spitzenhaft verwirrte, verdunkelte Gassenlabyrinthe zu kommen, und dann öffnet sich mit einem unerhört frechen Winkel, fast wie in trotzigem Aufbegehren, der sogenannte umgestülpte Zuckerhut auf den Andreasplatz. Über geduckte Dächer steigt kraftvoll und klar die Gotik von St. Andreas in den Himmel. Rund um sie schwingen sich in niedrigen Bögen die Häuser des Platzes. Wir tragen das Unerwartete dieses architektonischen Streichs wie ein begeistern burleskes Erlebnis in die engen, stillen Gassen hinein, die mit reich beschnitzten Häusern dahinstreifen und auf die breite Pracht des Langen Hagen führen, während hinter dem Wanderer überall der graue, breitschulterige Andreasturm sich über die Dächer reckt.

So ist auch der Neustädter Markt eine Platzanlage von besonderer Eigenart, und was wir an den Plätzen und Gassen erleben, sehen wir auch an den Häusern. Es ist eine eigenwillige Art in ihnen verbaut, die eines anders als das andere gestaltet hat und doch im Typ blieb. Die Häuser zeigen weniger die bewußte Strenge, die sonst Norddeutschland zu eigen ist. Der Baumeister ergeht sich als Sonderling in allerlei besonderen Einzelheiten und vermag doch sein Werk zu einem schönen Ganzen zusammenzufügen. Durch diese Art zu bauen läuft etwas ungemein Farbiges durch die Straßen, man könnte sagen, ein kräftiges Pizzicato. Es erscheint ein wenig mit dem Süden Deutschlands verwandt. Aber es strömt eben aus der Geschichte dieser prachtvoll dickköpfigen Stadt hervor. Starrnacken, aber fröhliches Herz! Das sagen die Straßen.

Einen starken Anteil am architektonischen Leben Hildesheims haben die Kirchen. Sie fügen sich der Anlage ein und verstehen es doch, sich kräftig, fast drohend zu behaupten. So entsprechen auch sie wiederum der Geschichte: den Kämpfen zwischen Bürgertum und Kirche. Diese Kirchen benutzen Terrainerhebungen, und wo sie die nicht finden, müssen Hausblöcke die malerisch bewegte Masse des Sockels abgeben. An ihnen rinnt die alte Tragik, denn sie waren einst die Seele der Stadt, die Seele der ganzen Landschaft. Ihre arithmetisch geschlossene Romanik, deren Strenge zu brechen die bauchigen Launen der Barocktürme sich vergeblich abmühen oder ihre großzügig knappe Gotik... das alles liegt mit toter Ewigkeit zwischen den Straßen, durch die die Elektrischen, Wagen, Menschen hinaus zu den wirklichen Tempeln unserer Zeit gehen. Die Schlote dampfen um Hildesheim den Atem inbrünstiger Arbeit in den Himmel, und die Züge brausen im Bahnhof ein und aus und binden Hildesheim an die Welt von heute. Weder Schlote noch Züge reißen die alte Schönheit ein. Sie sind eine Parallelschönheit zu ihr, keine Feinde. Das war ein Irrtum. Das hat man lange mißverstanden. Aber jetzt sind wir reich genug, uns den Luxus eines ausgeschnitzten Hauses aus dem 16. Jahrhundert zu gönnen, wo ein vierstöckiger Mietsbau sich mit unendlich mehr Prozenten verzinste. Wir haben entdeckt, daß wir doch noch ein Herz haben und daß wir für seine Empfindsamkeit Nahrung brauchen. So mögen die Schlote dampfen und die Züge erdonnern! Sie schaffen eine neue Atmosphäre um die alte schöne Insel Hildesheim, die wir unserem Herzen erhalten wissen wollen. Nieder mit dem Geldbeutel, wer dagegen an will! [...]

Anmerkungen

Norbert Jacques hatte schon mehrere Weltreisen (und mehrere Weltreise-Bücher...) hinter sich, als er 1915 für den »Niedersachsen«-Band von »Brandstetters Heimatbüchern deutscher Landschaften« die Exklusiv-Reportage über Hildesheim schrieb. Er war der zweifellos gefragteste Reiseschriftsteller seiner Zeit. Seinen größten Bucherfolg errang er sechs Jahre später gleichwohl in einem anderen Metier: mit dem exquisit-schnoddrigen Kriminalroman »Dr. Mabuse, der Spieler«, einem Genre-Klassiker, dem sich dann noch die Folgebände »Mabuses Kolonie« und »Das Testament des Dr. Mabuse« anschlossen.

Quelle

Norbert Jacques, Hildesheim. In: Niedersachsen. Ein Heimatbuch (Hrsg. Bernhard Flemes). Leipzig : Brandstetter, 19222, S. 88 - 94