48er Revolution in der Welfenstadt

Autor

Wilhelm Busch

Wilhelm Busch 1860, Foto von Edgar Hanfstaengel

- 1906 -

Eine Erinnerung aus Anlaß der 75jährigen Jubelfeier der Technischen Hochschule in Hannover


Die Polytechnische, wie man ehedem sagte, habe ich auch mal besucht. Wann war es nur gleich? Die Grundmauern des Theaters stiegen eben aus der Erde herauf, als ich vom Direktor Glünder mich prüfen ließ. Die Prüfung fiel kümmerlich aus; aber er meinte, wir wollen's versuchen. Damals ging so was noch. Ich war 16 Jahre alt, und da ich vom Lande eine gewisse Schüchternheit mitgebracht hatte, die mich nie eine Stunde versäumen ließ, so gingen meine Studien, besonders im Zeichnen, Modellieren und in den Elementen auch ganz leidlich voran. Anfangs wohnte ich auf der Schmiedestraße bei lieben Verwandten; nachher zog ich wo anders hin; denn wer sich im Rauchen und Biertrinken übt, will einen eigenen Hausschlüssel haben.

Das Jahr 48 machte bedenklichen Lärm. Um den Wall die Ketten verschwanden. Aus uns Polytechnikern wurden Kompanien gebildet unter Führung der Lehrer. Den Stock in der Hand, eine weiße Binde um den Arm, zogen wir durch die Straßen und riefen den Frauen »Guten Abend, Bürgerin« zu. Nur waren wir, als Schergen der Ordnung, beim »Volke« recht unbeliebt. Aus den Haustüren am Rösehof gossen unsichtbare Hände uns Schmutzwasser an die Beine.
Bald kriegten wir Waffen; alte Steinschloßflinten, die Ohrfeigen austeilten und die Gesichter mit Pulverdampf schwärzten, wenn wir draußen an der Schwedenschanze im Feuer exerzierten.
Unsere Uniform war bloß kurz angedeutet durch eine Mütze mit schwarzrotgoldenem Streif drumherum. Das dreikantige Bajonett, im Bandelier zu tragen, diente als furchtbares Seitengewehr.
Meine Kompanie hatte die Ehre, als erste die Hauptwache am Markt abzulösen. Freundlich grinsend standen uns die Soldaten gegenüber. Sie hinterließen uns munter belebte Matratzen zur behaglichen Ruhestatt.

Daß man uns keine scharfen Patronen anvertraute, war ärgerlich. Einstmals, während der Nacht, hatten wir an der Ecke der Ballhof- und Knochenhauerstraße eine leichte Barrikade zu nehmen. Oben aus der Herberge flogen Backsteine herunter, unten bewarf uns von weitem die verwegene Menge. Vergebens verfolgten wir sie. Schießen konnten wir nicht. Da sprang ein langer Kollege, der die Geduld verlor, aus dem Gliede voran und prickte einem Kerl das Bajonett durch die Hose, daß er bölkte wie ein Ochse. Im Lindener Spital hat man ihn wieder kuriert. Und dies, soviel mir bekannt, war unserseits die einzige grausige Bluttat während der ganzen Revolution.

Übrigens gab es unruhige Geister auch in unserer eigenen Mitte. Sie brachten dem Direktor Karmarsch, ich weiß nicht warum, eine Katzenmusik. Für die Radaumacher schloß man die Schule. Für uns andere, die brav gewesen, ging der Unterricht weiter. Allmählich kamen die schwierigen Fächer an die Reihe. Vor allem die Voraussetzungen der höheren Mathematik, von denen Berkeley behauptet, sie wären shocking to good sense und deren hohe Bedeutung ich erst später erkannte, machten mich stutzig. Mein Eifer erlahmte. Auf Anraten des Malers Klemme ging ich bis auf weiteres nach Düsseldorf zur Akademie.

Anmerkungen

Allzuviel von sich selber hat Wilhelm Busch nicht einmal in seinen autobiographischen Schriften preisgegeben. Gemessen daran, ist er in diesem Beitrag zum Jubiläum seines alten Polytechnikums fast schon bekenntnisfreudig. Aber er liebte nun einmal den Wirbel um seine Person nicht. Doch obwohl er in Wiedensahl wohnte (und während seines letzten Lebensjahrzehnts in Mechtshausen), hat er auch seine Verbindung mit Hannover nie abreißen lassen: Hier unterhielt er sein (beachtliches) Bankkonto, hier ließ er sich die Haare schneiden, und für seine Bildergeschichte über den Unruhestifter Fipps trieb er in Hannover sogar Affenstudien (im Zoo). Mehr von Wilhelm Busch - siehe unter »Ostfriesische Inseln«.

Quelle

Wilhelm Busch, Zur 75jährigen Jubelfeier der Technischen Hochschule in Hannover. In: Sämtliche Werke (Hrsg. Otto Nöldeke). München : Braun & Schneider, 1943, Bd. 7, S. 423f