In Hannover, um die Lage zu peilen

- 1772 -

Brief an Johann Christian Dieterich und Frau

Hannover, d. 5. März 1772

Unter handgreiflichem Schutz des Himmels, der mich mit Sonnenschein und Lerchen-Gesang von Ayers Garten an bis an das Calenberger Tor begleitet hat, bin ich vorgestern bei guter Gesundheit hier eingetroffen. Ich logiere am Ende der Marktstraße, da wo sie anfängt die breite Straße zu heißen, nahe bei der Aegidien-Kirche. Mein Wirt ist ein Glaser namens Metmershaußen, ein solcher Philister als jemals einer pereieret worden ist, die Frau Glaserin, die ich künftig immer Frau von Metmershaußen nennen werde, scheint mir eine gute Frau zu sein, sie kleidet sich hoch und geht nicht viel niedriger, scheint aber zu fühlen, daß ein Göttingischer Professor beinah so viel ist als ein Hannöverischer Glaser, deswegen glaube ich, wollen wir ganz friedlich zusammen leben. Meine Aufwärterin ist für eine Hannöverische ziemlich schön, hat aber auch den Fehler, daß sie besser von hinten aussieht als von vornen, wovon das erste seinen Grund in der niedlichen Kleidung, und das letztere im Gesicht hat, ich sehe sie deswegen auch gemeiniglich erst an wenn sie hinausgeht.

Mein Stübchen ist ganz nett, nur mein Bett gefällt mir nicht, es ist so schmal, daß vorige Nacht mein linkes Bein außerhalb demselben schlafen mußte, ich ziehe aber in 8 Tagen eine Etage herunter, wo ich überhaupt ein feineres Zimmer bekommen werde. Übrigens lebe ich völlig wieder wie ein Pursche hier, aber wie ein Pursche der keinen Traugott und keinen Pedell zu fürchten hat, in einer sehr volkreichen Stadt, deren Tugend und Laster ich durch meinen Beitrag nicht um eines Senfkörngens Wert leichter oder wichtiger machen kann. [...]

Brief an Joel Paul Kaltenhofer

Hannover, den 8. August 1772

[...] Bei meiner Ankunft wurden mir die Bebachtungen eines gewissen Chevalier Brouain (es liegt nichts dran ob ich den Namen recht schreibe), der die Polhöhe von Hannover bestimmt hat, übergeben, nach dieses Mannes Beobachtung hat Hannover 51° 52' und etliche Sekunden Polhöhe, da sie nach meinen Beobachtungen 52° 22' und 16'' ist. Es findet sich also zwischen unsern Bestimmungen ein unbeträchtlicher Unterschied von einem halben Grade! Ich wünschte fast, daß der Franzose recht hätte, denn so läge Hannover in der Gegend von Einbeck und ich käme mit der nächsten Postkutsche wieder einmal zu Ihnen. [...]

Anmerkungen

Lichtenberg hielt sich im Frühjahr und Sommer 1772 in Hannover auf, um dort im Auftrag des Kurfürsten die astronomische Ortsbestimmung der Stadt vorzunehmen. Johann Christian Dieterich aus Göttingen war Lichtenbergs Verleger und zugleich sein Hauswirt, Joel Paul Kaltenhofer der göttingische Universitäts-Zeichenlehrer. Weiteres von und über Lichtenberg - siehe unter »Lüneburger Heide«, »Elbmarsch«, »Osnabrück«.

Quelle

Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe (Hrsg. Wolfgang Promies), München : Hanser, 1967, Bd. 4, Briefe, S. 41f und S. 87f