Gepräge holländischer Architecturphantasie

Autor

Levin Schücking

Levin Schücking (um 1840), Stahlstich von Alois Weger

- 1867-

Aus: Verschlungene Wege

Papenburg

Dieser Ort ist einer der seltsamsten Deutschlands. Er liegt unfern eines größeren Flusses inmitten weit sich ausdehnender, viele Quadratmeilen ausfüllender Moore, die der Schöpfer als das unantastbare Revier des Storchs, der Krickente und der Rohrdommel dahingebreitet zu haben scheint. Aber der Mensch ist auch in diese Wüste gekommen und hat damit begonnen, einen breiten, Seeschiffe tragenden Canal zu ziehen, und von dem Punkte an, wo der Canal sein Ziel, seine Mündung in den Fluß gefunden, vom »Siel« an, bis fast drei Stunden weit hinauf an den Ufern des Canals haben Anbauer sich gefunden, die rechts und links von der schwarzen moorigen Wasserader ihre rothen Ziegelhäuschen und dann nach und nach auch größere stattlichere Wohnhäuser gestellt, Häuser von absonderlicher, das Gepräge holländischer Architecturphantasie an der Giebelstirn tragender Bauart - zwischen Gärten, Baumhöfen, Feldstücken und Erlengebüschen.

Ueber den Canal aber sind Zugbrücken mit hohen Balkengerüsten und hängenden Ketten geschlagen und Schiffe aller Art füllen ihn die Wintermonate hindurch, kleine schmutzige Torfewer, Barkschiffe mit seetüchtigen Masten und Spieren, Sluups und Pünten und wie der Mund des Seemanns sie »anspricht«. In den kleinen, lindenbeschatteten Backsteinhäusern rechts und links vom »Deep« aber wohnen die Familien der »schweren« und der »leichten« Matrosen, der blauen Friesjacken, die auf diesen kleinen Fahrzeugen den Stürmen der entlegensten Meere trotzen. Zahlreiche Werften zeigen die Gerippe neuer Schiffbauten und schwängern die Atmosphäre mit Theergeruch und dem Rauchqualm der Feuer, an denen die festen Eichenbohlen sich zu schmiegen und zu krümmen lernen müssen.

Und so bildet das Ganze ein merkwürdiges absonderliches Bild, das erst dann seine rechte Eigenthümlichkeit entwickelt, wenn ein friesischer Nebel sich weißblau über dasselbe lagert und Alles wie in ein schwankendes Traumgebilde verschwimmen läßt; oder wenn in der stillen Abenddämmerung die langen Raaen den wunderlichen Häusergiebeln von ihren Fahrten in weiten fernen Meeren, von den Küsten von Coromandel und den Palmen der Freundschaftsinseln zu erzählen scheinen.

Anmerkungen

Christoph Bernhard Levin Matthias Schücking war der älteste Sohn des Richters und Religionshistorikers Paulus Modestus Schücking und der Dichterin Katharina Sibylla Schücking (geb. Busch). Er verbrachte seine Kindheit und Jugend bis 1829 im Marstall des barocken Jagdschlosses Clemenswerth in Sögel/Emsland. Die Familie lebte einige Zeit in Münster und Osnabrück. (Zu Levin Schücking siehe auch unter »Clemenswerth«)

Quelle

Levin Schücking, Verschlungene Wege. Hannover, Rümpler, 1867, S. 9ff